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380 Sibylle Wentker
Entwicklung eines immer als solches bezeichneten Faches „Orientalistik“ darf man je-
doch nicht ausgehen, dies käme einer „invented tradition“ gleich3. Sollte Wissenschaftsge-
schichte auch die Verfehlungen des jeweiligen Faches thematisieren, so verortete man die
der wissenschaftlichen Orientalistik zunächst an einem anderen Thema, und zwar bei der
angenommenen Unterstützung von Kolonialismus und Imperialismus. Die Übertragung
der postkolonialen Kritik auf das Studienfach Orientalistik wurde von manchen Autoren
ab den 1960er-Jahren verfochten, einem breiteren Kreis bekannt wurde sie jedoch erst
mit dem vielfach umstrittenen Angriff des amerikanisch-palästinensischen Literaturwis-
senschaftlers Edward Said auf das Fach. In seinem Buch „Orientalism“ schrieb Said der
Orientalistik einen wesentlichen Beitrag am Kolonialismus zu und erschütterte damit die
bis dahin sorgfältig gehütete Vorstellung von der Orientalistik als gänzlich apolitischer
Wissenschaft4. Obwohl gerade der deutschsprachigen Orientalistik im Buch von Said
ein gewisser Unbedenklichkeitsgrad ausgestellt wurde, einerseits weil Deutschland erst
spät in den Besitz von Kolonien gelangt war, andererseits weil die Forschungen der deut-
schen Orientalistik hauptsächlich auf dem Gebiet der Philologie lägen, war die deutsche
Orientalistik in ihrem Selbstverständnis entrüstet5. Gleichzeitig bestand ein ähnliches
Bedürfnis wie bei den historischen Wissenschaften, Orientalistik als Fach vollkommen
unpolitisch wirken zu lassen. Nach 1945 war die Wissenschaftshistorie bestrebt, die Ver-
bindung der Orientalisten zum Nationalsozialismus so gering wie möglich darzustellen :
„Wenn überhaupt, so ist Orientalistik von der Forschung bisher als Wissenschaftsdiszi-
plin wahrgenommen worden, die für das Zusammenspiel von Wissenschaft, Politik und
Ideologie im NS nur von geringem theoretischem wie praktischen Nutzen war.“6 Der
Forschungsgegenstand der Orientalistik wurde der Kollaboration mit dem Regime aus
inhaltlichen Gründen für unverdächtig erklärt und jeglicher Zusammenhang der Wissen-
schaftler selbst mit Politik in Eigen- wie in Fremdaussagen verschwiegen. Es entstand der
Eindruck, dass sowohl in Bezug auf den Inhalt der Forschungen selbst als auch in Bezug
auf die handelnden Personen die Verbindungen zur Politik im Allgemeinen und dem Na-
tionalsozialismus im Besonderen nicht groß gewesen seien7. So kam es nach 1945 zu kei-
3 So nennt es, in Anlehnung an Eric Hobsbawm, Ursula Wokoeck, German Orientalism. The study of the
Middle East and Islam from 1800 to 1945 (London/New York 2009) 35.
4 Edward W. Said, Orientalism (London 1973, seither viele Auflagen). Einen guten Überblick über die gesamte
Debatte, die längst den Rahmen reiner Wissenschaftsgeschichte verlassen hat, gibt : Orientalism. A Reader, hg.
v. Alexander Lyon Macfie (Washington/New York 2000), dort v.a. seine „Introduction“, 1–8.
5 Vgl. die wütende und nahezu beleidigte Kritik : Hartmut Fähndrich, Orientalismus und „Orientalismus“ :
Überlegungen zu Edward Said, Michel Foucault und westlichen „Islamstudien“, in : Die Welt des Islams 28
(1988) 178–186.
6 Ekkehard Ellinger, Deutsche Orientalistik zur Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945. (Edingen-Neckar-
hausen 2006) 1.
7 Als Ausnahme wurde jedoch stets auf die Person von Carl Heinrich Becker verwiesen, der einerseits Orien-
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien