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382 Sibylle Wentker
dass er die Unterstufe des Gymnasiums seiner Geburtsstadt besuchte und ab 1903 seine
Gymnasialstudien in Prag fortsetzte, wohin seine Eltern übersiedelt waren. 1907, also erst
mit zwanzig Jahren, absolvierte Grohmann die Matura mit Auszeichnung und begann in
Wien an der Philosophischen Fakultät Orientalistik zu studieren12.
Bis hin zum 19. Jahrhundert stellte Orientalistik an den Universitäten insgesamt eine
Hilfswissenschaft der Theologie dar. Das Interesse an semitischen Sprachen beruhte zu-
nächst auf dem erhofften Erkenntnisgewinn zum Verständnis der Bibel. Ein Interesse an
der Religion des Islam, wenn überhaupt vorhanden, enthielt in der Regel die Anstren-
gung, den Islam als falsche Religion zu diffamieren und ihren Propheten Muhammad als
einen falschen Propheten zu entlarven13. Als im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert
die Ruinenfunde von Persepolis allgemein bekannt wurden, löste dies eine Begeisterung
für das antike Persien aus, in dessen direkter Nachfolge dessen klassischen Erbes man sich
in Europa sehen mochte14. Das 19. Jahrhundert brachte die durch die Humboldt’schen
Reformen ausgelöste Aufwertung der Philosophischen Fakultäten und die Konzentration
auf die Forschung an den Universitäten15. In der Umgebung der forschenden und leh-
renden Universitäten entwickelte sich alsbald die in weiterer Folge als „deutsch“ apost-
rophierte arabische Philologie, deren größter Protagonist Heinrich Leberecht Fleischer
war16. Gleichzeitig mit der Anbindung der Forschung an die Universitäten verschwand
der klassische Privatgelehrte, der in der Orientalistik das 18. Jahrhundert dominiert hatte,
in Österreich etwa repräsentiert durch den ungemein produktiven Joseph von Hammer-
Purgstall, der sein gesamtes Berufsleben im österreichischen Staatsdienst verbracht hatte,
Almanach der ÖAW 1978 (Wien 1979) 331–341. Zuletzt erschienen : Lucian Reinfandt, The Political
Papyrologist : Adolf Grohmann (1887–1977), in : Sources and Approaches across Disciplines in Near Eastern
Studies. Proceedings of the 24th Congress of L’Union Européenne des Arabisants et Islamisants, hg. v. Verena
Klemm et al. (Series Orientalia Lovanensia Analecta 215, Leuven 2011) 251–269. Den Beitrag hat mir der
Autor vor Drucklegung zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlichst bedanken möchte. – An wesentli-
chen Archivalien zu Grohmann existieren in folgenden Archiven Materialien : Archiv der ÖAW (= AÖAW),
phil-hist. Klasse, PA Grohmann. Herbert Eisenstein vom Institut für Orientalistik an der Universität Wien
fertigte ein Grobinventar des umfangreichen Nachlasses Grohmanns an, der bis heute unbearbeitet im AÖAW
bewahrt wird ; UAW, PA Grohmann, Rigorosenakt, UAP, PA Grohmann ; UAI, PA Grohmann. Allen Archiven
danke ich herzlich für die freundliche Unterstützung.
12 Gottschalk, Grohmann (wie Anm. 11).
13 Maxime Rodinson, Die muslimische Welt im Spiegel des Westens, in : ders., Die Faszination des Islam
(München 1985) 18–104.
14 Hamid Tafazoli, Der deutsche Persien-Diskurs. Von der frühen Neuzeit bis in das neunzehnte Jahrhundert
(Bielefeld 2007) v.a. 322–366.
15 Hans Lentze, Die Unterrichtsreform des Ministers Graf Leo Thun-Hohenstein (SB Wien 239,2, Wien
1962).
16 Zu ihm Ignaz Goldziher, Art. „Fleischer, Heinrich Leberecht“, in : ADB 48 (1904) 584–594 ; Johann W.
Fück, Art. „Fleischer, Heinrich Leberecht“, in : NDB 5 (1961) 231f.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien