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392 Sibylle Wentker
gewesen war, wurde verboten64. Die Errichtung der Tschechoslowakei brachte eine jähe
Bedeutungseinbuße für die Deutsche Universität : Die sogenannte Lex Mareš erklärte die
tschechische Karls-Universität zur alleinig berechtigten Nachfolgerin der Gründung von
1348, nachdem auch bei der Teilung der Universitäten beide dieses Erbe für sich hatten
in Anspruch nehmen können. Die Deutsche Karl-Ferdinands-Universität blieb bestehen
und durfte sich nur noch „Deutsche Universität Prag“ nennen65. Die Gegensätze zwischen
Tschechen und Deutschen verstärkten sich und „Nationalismus, Nationalsozialismus und
Antisemitismus fanden bereits in den Zwanziger Jahren Gehör in den Reihen eines Teiles
der Deutschen Studentenschaft“66.
In die Fremde war Grohmann mit seinem Umzug nach Prag nicht gegangen, son-
dern er traf dort Bekannte aus Wien wieder : Der Professor für Keilschriftforschung an
der Karls-Universität, Bedřich (Friedrich) Hrozný, war einer seiner akademischen Leh-
rer gewesen67. Der spätere Autor des maßgeblichen Werkes zur persischen Literatur in
deutscher Sprache, Jan Rypka, hatte zusammen mit Grohmann studiert und arbeitete im
Prager Unterrichtsministerium68. Auch Alois Musil hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg
in seine ursprüngliche Heimat begeben, Grohmann kannte auch ihn aus seinen Lehrver-
anstaltungen, auch wenn Musil stets an der Theologischen Fakultät gelesen hatte. Trotz
der relativ großen personellen Besetzung konnte in keiner Weise von einem ordentlich
ausgestatteten Institut in Prag die Rede sein. Notorischer Geldmangel verhinderte unter
anderem die Ausstattung mit einer Fachbibliothek. Aus diesem Grund bekam Grohmann
den Umzug nach Prag bezahlt, weil er seine Bibliothek (an die 1000 Bücher) mitnahm,
ohne die weder er noch seine Studenten arbeiten konnten69. Erst 1923 beschloss das
Professorenkollegium der Philosophischen Fakultät der Deutschen Universität, dem neu
gegründeten Seminar für orientalische Philologie70 geeignete Räumlichkeiten für die Auf-
stellung einer Seminarbibliothek zur Verfügung zu stellen71.
64 Ebd.
65 Ebd. 14.
66 Mišková, (Karls-)Universität (wie Anm. 62) 32.
67 Zu ihm vgl. Dušan Zbavitel, Die Orientalistik in der Tschechoslowakei (Prag 1959).
68 Vgl. s. Nachruf von Felix Tauer, in : Der Islam 46,1 (1970) 303–306.
69 UAP, PA Grohmann.
70 Schreiben der Politischen Landesverwaltung in Prag vom 05.10.1922, beginnend mit dem Wintersemester
1922/23 die Errichtung eines Seminars für orientalische Philologie mit zwei Abteilungen genehmigt, von denen das
eine vorläufig vom Honorar Prof. Dr. Grünert, das zweite von Prof. Dr. Adolf Grohmann zu führen ist. Dies war
eine der Bedingungen Grohmanns für seine Zusage gewesen, dem Ruf nach Prag zu folgen. UAP, Phil. Fak.
RXXI, Sem. Phil, K. 66.
71 Ebd. Schreiben vom 23.06.1923. Die Bibliothek wuchs trotzdem nicht rasant, 1928 bestand die Bibliothek
aus 402 Bänden. Ebd. Schreiben vom 25.01.1928.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien