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400 Sibylle Wentker
sind, so daß eine entschiedene Bereicherung der Bestände meines Institutes bevorsteht. Ich habe
mich beim Spediteur Weißhuhn in Mährisch-Ostrau gleichzeitig um die Transportkosten erkun-
digt und erfahren, daß diese bezüglich Ostrau-Prag etwa 160 RM betragen würden. Ich bitte
daher, den Auftrag erteilen zu wollen, die Bücherei nach Prag zu überführen. Die SS setzt sich
bereits diesbezüglich mit der Stapo Ostrau in Verbindung, doch ist dies lediglich Formsache. Alle
Einzelheiten habe ich bereits mit NSKK-Oberstaffelführer Dr. Heinrich verabredet. Bei dieser
Gelegenheit habe ich auch erfahren, daß über das Schicksal der Bibliothek der Kultusgemeinde
in Brünn, die die Stapo beschlagnahmt hat, noch nichts entschieden ist. Es würde sich empfehlen,
wenn wir grundsätzlich das Interesse der Karls-Universität hiefür bekanntgäben110.
VII.
Von diesen beiden Ereignissen abgesehen lassen sich keine weiteren Kooperationen Groh-
manns mit dem deutschen Regime aus den Akten nachweisen, was aber auch mit der dün-
nen Aktenlage zusammenhängen mag. Zudem verhielt sich Grohmann unauffällig und
änderte auch an seiner Unterrichtspraxis nichts, wie er auch während des Krieges weiter-
hin fleißig publizierte. Die Verbindung zur Nationalbibliothek in Wien riss während der
Kriegsjahre nicht ab. Durch den Krieg wurden die Bestände der Papyrussammlung stark
in Mitleidenschaft gezogen, bereits 1939 mussten die Ausstellungsräume geräumt werden.
Grohmann konnte sich jedoch der Schwierigkeiten ungeachtet Papyri für seine Forschun-
gen ausleihen, wie er es bereits seit seinem Weggang aus Wien getan hatte. 1943 lieh er
217 Papyri aus, die über das Kriegsende hinaus im Panzerschrank des Orientalischen
Instituts in Prag verblieben und erst nach langwierigen Verhandlungen 1949 durch die
tschechische Gesandtschaft in Wien an die Nationalbibliothek zurückerstattet wurden111.
Als immer mehr abzusehen war, dass der Zweite Weltkrieg nicht auf einen „Endsieg“
der Deutschen zusteuerte, entschloss sich Grohmann, nicht den Einmarsch der Roten
Armee in Prag abzuwarten, sondern mit seiner Familie Böhmen zu verlassen. Dies tat er
sehr überlegt. Bereits am 17. Februar 1945 richtete er einen ungeschminkten Brief an den
Rektor der Deutschen Universität in Prag : […] seit 1914 habe ich aus allen Ländern Euro-
pas und der Übersee zur arabischen Diplomatik, Wirtschafts- und Rechtsgeschichte ein Urkun-
denmaterial in Photographien und Abschriften gesammelt, das in seiner Art als einzigartig be-
110 UAP, Akten des Rektors, zitiert nach : Gerhard Oberkofler, Orchideenfächer im Faschismus, in : Jb. 1990
(Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 1990) 45–49, hier 45.
111 Murray G. Hall, Christina Köstner, „… allerlei für die Nationalbibliothek zu ergattern …“ Eine ös-
terreichische Institution in der NS-Zeit (Wien/Köln/Weimar 2006) 374–378. ÖNB, Archiv, Allgemeine
Verwaltungs- und Korrespondenzakten, 1139/1946 und 427/1947.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien