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Karl Maria Swoboda (1889–1977) 415
rischen Instituts der Universität Wien in Konkurrenz zum II. Wiener Kunsthistorischen
Institut (mit Max Dvořák und Julius Schlosser als den Exponenten) berufen wurde16.
Swoboda nahm – möglichweise einem Rat Dvořáks folgend – 1911–1913 am 29. Ausbil-
dungskurs des IÖG in Wien teil und wurde zu einem Historiker, insbesondere zu einem
Mediävisten ausgebildet17. Er erweiterte so nicht nur seinen Ausbildungshorizont und
erhob sich damit über „gewöhnliche“ Kunsthistoriker, sondern stellte sich auch in die
Tradition der Kunsthistoriker und IÖG-Mitglieder Dvořák und Schlosser. Die Einbin-
dung in das weit gespannte Netzwerk des Instituts sollte ihm sowohl bei seiner Berufung
nach Prag als auch bei seiner Rückkehr nach Wien von Nutzen sein. 1923 habilitierte sich
Swoboda mit der Arbeit „Römische und romanische Paläste“ und begann als Privatdozent
zu lehren. Während seiner Assistenz bei Julius Schlosser ist ihm 1926 ein Lehrauftrag
zugeteilt worden, um gegenüber Schlossers italienischem Forschungsfeld („Terra madre
Italia“) die österreichische Kunstgeschichte zu betreiben, wie dies auch von Strzygowski
angemahnt worden war18.
Swobodas Weltanschauung, sein Wertesystem und das Ringen um eine Fixierung des
persönlichen, wissenschaftlichen und privat motivierten Standpunktes werden um 1932/33
in dem unpublizierten kulturkritischen Essay Die gegenwärtige Lage der Menschheit – bezie-
hungsweise Die Not unserer Tage, auf die sich der erste Abschnitt seiner Bestandsaufnahme
bezieht – auf verwirrende Weise offenbar19. Das vermeintliche Versagen der unsere Kultur
tragenden Ideen20 wurde dort als gesellschaftliche Formlosigkeit21 angezeigt : Die Formpro-
bleme wurden mit Heimatlosigkeit, voller Vereinsamung des Einzelnen22, dem Verlust kons-
titutiver Rollen im Gesellschaftsleben wie Stand/Stadt/Familie, Wandlungen in Recht und
Moral, dem Menschen vor dem Nichts in der Philosophie identifiziert. Das Kunstwerk ist in
ein Jenseits der gesellschaftlichen Formen […] geraten, ist heimatlos geworden23. Unter diesen
16 Vgl. Canz, Swoboda (wie Anm. 2) 176f.
17 Vgl. Leo Santifaller, Das Institut für österreichische Geschichtsforschung. Festgabe zur Feier des zwei-
hundertjährigen Bestandes des Wiener Haus-, Hof- und Staatsarchivs (Veröff. des IÖG 2, Wien 1950) 135
und 305–307 ; Lhotsky, Geschichte des Instituts (wie Anm. 8) 358–362 ; IÖG, Archiv : Institutsakten 29.
Ausbildungskurs 1911–1913. Seine bei Dvořák verfasste Hausarbeit „Beschreibendes Verzeichnis der roma-
nischen Wandmalereien in Kärnten und Steiermark“ wurde mit vorzüglich bewertet. Während er auch in den
anderen kunstgeschichtlichen Prüfungen mit vorzüglich abschloss, erreichte er in den historischen Fächern fast
durchgehend befriedigend oder sehr befriedigend und als Gesamtnote sehr befriedigend.
18 1927 erinnerte der Institutsdirektor Oswald Redlich das Ministerium nochmals an den Lehrauftrag, vgl.
Lhotsky, Geschichte des Instituts (wie Anm. 8) 332.
19 Swoboda, Die gegenwärtige Lage (wie Anm. 1).
20 Ebd. 2.
21 Ebd. 7.
22 Ebd.
23 Ebd. 15.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien