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Karl Maria Swoboda (1889–1977) 423
„Neue Aufgaben der Kunstgeschichte“59. Ausgangspunkt war jene kulturpessimistische
Haltung, die Swoboda mit „Interessenwandlungen“, „Wertverschiebungen im zeitgenössi-
schen Kunstleben, Kunstbetrieb“, „Neuerungen und neue Situationen im Sammelwesen,
Musealwesen, in der Denkmalpflege, endlich [mit dem] Neue[n] in der zeitgenössischen
Kunst selbst“ quittierte60. Von den tendenziös herausgestrichenen „Wandlungen“ wurde
der Blick zielsicher auf die handlungsorientierten Perspektiven für Kunsthistoriker auf
dem Gebiet der bildenden Kunst gerichtet : „Diese neue Situation stellt die Kunstge-
schichte vor Fragen, die früher nicht vorhanden waren. Etwa : Läßt sich der die bisherige
Geschichte der europäischen Architektur tragende Begriff des architektonischen Kunst-
werkes erweitern, um mit ihm zugleich auch die Werke der neuen Architektur erfassen
zu können, ihren Technizismus, ihr Maschinenmäßiges etwa ? […] Für das Großteil des
jüngsten Kunstgewerbes, das seine Leistung allein in der technischen und Materialvoll-
wertigkeit, wie in dem strengen Zweckentsprechen seiner Objekte sieht, sind die Kunst-
gewerbemuseen im Sinne ihrer ursprünglichen Absicht belanglos geworden. Welche Ori-
entierung ergibt sich diesen Museen in dieser neuen Lage ? Bei welchen Zielsetzungen
können sie sich dem heutigen öffentlichen Sammelwesen am sinnvollsten einordnen, den
künstlerischen Erfordernissen der Allgemeinheit am besten dienen ? Mit dieser letzten
Frage berühren wir ein weiteres Quellgebiet neuer Aufgabenstellungen : Das Verhältnis
der Kunst, des ganzen überlieferten Kunstbesitzes zur Gesellschaft, Gesellschaft im wei-
testen Sinn, also etwa als kulturelle Schichtung und Organisation des Volkes genommen,
[…] selbst die führenden Persönlichkeiten haben heute zur bildenden Kunst kein inneres
Verhältnis mehr. Sie ist ihnen fremd ; alte wie neue Kunst. […] Im wesentlichen liegen
aber die Gründe jenes Mißverständnisses tiefer, in der Struktur der Gesellschaft selbst,
werden nur mit deren Änderung aus der Welt kommen.“61 Gegenüber der bescheinigten
materialistischen Haltung sprach Swoboda von einer notwendigen Kunsterziehung der
Gesellschaft. Damit gelangte er zur entscheidenden Forderung an seine Fachdisziplin :
„Die Kunstgeschichte hat die Pflicht, zu erwägen und zu erforschen, unter welchen Be-
dingungen die bildende Kunst bei den möglichen und bei den tatsächlich im Zuge be-
findlichen gesellschaftlichen Wandlungen ihren angestammten und natürlichen Platz im
kulturellen Leben zurückzugewinnen vermöchte.“62 Was Swoboda vorschwebte, war ein
Neuordnen des Materials, um gegen vermeintliche Missstände in seinem eigenen Fachge-
biet anzutreten : „Der rapid sich steigernden Entwurzelung des Kunstwerkes aus seinem
59 Der Vortragstext erschien eingangs zum Sammelband von Swobodas Vorträgen aus den Jahren 1932–1934
unter demselben Titel, siehe Swoboda, Neue Aufgaben (wie Anm. 13) 11–23.
60 Swoboda, Neue Aufgaben (wie Anm. 13) 11.
61 Ebd. 12f.
62 Ebd. 13.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien