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umschlossenen [deutschen] Volkstums“ in Auseinandersetzung mit dem Fremden vor.
Damit wurden die übergreifenden Raumkonzeptionen des „Westostgefälles der europäi-
schen Kultur“ und des „Ostraums“ eingeführt. Diese Raumkategorien waren wesentlicher
Faktor in der Methodik der Darstellung, sie wurden durch biologistisch-rassistische Be-
trachtungen betreffend „Das Sudentenländische“, „Das Tschechische“ und „Das Sudeten-
deutsche“ ergänzt93.
Swobodas Aufsatz war insofern programmatisch, als er für seine weiteren Forschungen
wie auch die seiner Mitarbeiter die Methoden vorgab und eine entsprechende Termi-
nologie prägte. Dabei entgegnete Swoboda den tschechischen Kunsthistorikern, die den
politischen Begriff der „čechoslovakischen“ Kunst auf die Kunstgeschichte der böhmi-
schen Länder übertragen und in diesem Sinne auch den landespezifischen Charakter einer
Kunstgeschichte unterschiedlichster Provenienz auf die tschechoslowakische Perspektive
verengt hatten94. Swoboda wollte hingegen die von ihm so bezeichnete Kunstgeschichte
der Sudetenländer in historischem Zusammenhang mit dem römisch-deutschen Reich
„in ihrem Wesen als vom deutschen Volkstum bestimmte Kunst“ deuten95. In seinem
Text wurde die geografisch-historische Begründung von sogenannten historisch gewach-
senen Strukturen eines deutschen Kulturbodens verfolgt. Wenn unter den „Sudetenlän-
dern“ Böhmen und Mähren zusammengefasst als das „Teilstück und Abhängige eines
übergeordneten politischen Gebildes, des alten Römischen Reiches deutscher Nation“
bezeichnet erschienen96, so wurde mit dem historischen Kontext des Vielvölkerreiches
unter vermeintlich „deutscher“ Führung – obgleich es in Wirklichkeit ein monarchisch
geführtes und ständisch geprägtes Gebilde von vor- beziehungsweise übernationalen Cha-
rakter gewesen war – auch der aktuelle großdeutsche raumpolitische Gedanke evoziert.
In der Diskursgemeinschaft des Vereines gewann die Raumbegrifflichkeit insbesondere
durch die Mundartforschung und die Rechtsgeschichte einen wissenschaftlich-systema-
tischen Rückhalt97. Swoboda wählte den Raum in den Überschriften einzelner Kapitel
zur strukturierenden Kategorie seines Beitrags. Das Kapitel „Westostgefälle der europäi-
schen Kultur“ handelte von einer grundsätzlichen kulturellen und künstlerischen Raum-
93 Siehe „Das Sudentenländische“ in Swoboda, Anteil (wie Anm. 76) 233–238, und „Beiträge“ (wie Anm. 76)
35-41, „Das Tschechische“ 239–241 und 41–43, „Das Sudetendeutsche“ 241–242 und 43–44.
94 Siehe Die čechoslovakische Kunst von der Urzeit bis zur Gegenwart. Eine Auswahl hervorragender Werke der
Architektur, Plastik, Malerei, sowie des Kunstgewerbes in der Čechoslovakei. Zusammengestellt von Zděněk
Wirth, begleitet von dems., Vojtěch Birnbaum, Antonín Matějček, Josef Schránil (Prag 1926) 5–24.
95 Siehe Swoboda, Anteil (wie Anm. 76) 240, und „Beiträge“ (wie Anm. 76) 42.
96 Siehe Swoboda, Anteil (wie Anm. 76) 210, und „Beiträge“ (wie Anm. 76) 11f.
97 Siehe Pirchan, Sudetendeutschtum 1939 (wie Anm. 77) 608–611, 611 : „… in seiner sächsischen und
süddeutschen Fassung vorrückend, eroberte […] das deutsche Stadtrecht mit all seiner in Rats- und Rechts-
büchern verkörperten Rechtskultur nicht nur die Grenzstriche, sondern den gesamten Machtbereich der
Přemysliden.“
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien