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Hugo Hantsch (1895–1972) 453
II. Jugend
Hugo Hantsch wurde am 15. Januar 1895 als viertältestes Kind deutschböhmischer Eltern
in Teplitz-Schönau (Teplice-Šanov) geboren. Er hatte noch acht Geschwister. Der Vater
war Beamter der Prager Eisenbahnindustriegesellschaft, das Elternhaus wurde als gutbür-
gerlich beschrieben. Hantschs Onkel mütterlicherseits, der Abt des Benediktinerstiftes
Melk Amand John, machte Hugo bei Ferialaufenthalten schon sehr früh mit dem Or-
densleben bekannt7. Hantschs Eintritt als Novize in das Kloster Melk nach der Matura in
Teplitz 1913 scheint familiär vorherbestimmt und entsprach dem ausdrücklichen Wunsch
der Mutter8, der allerdings auch vom jungen Hugo bejaht wurde, welcher in den tradierten
Regeln der altehrwürdigen Ordensgemeinschaft ein Sicherheit spendendes Koordinaten-
system vorfand, das ihm freilich gerade in seiner Festigkeit bisweilen zu schaffen machen
sollte. Doch war Hantsch schon früh ein ausgesprochener Konservativer und Ordnungs-
denker. Nationalitätenkrawalle, die er während seiner Prager Gymnasialzeit erlebt hatte,
sollen ihn in ihrer agitatorischen Irrationalität zutiefst abgestoßen haben9. Für sich selbst
und andere verlangte der junge Geistliche eine besonders gewissenhafte Ausübung der Or-
densregeln, was ihm unter seinen Mitbrüdern die als Schimpfwort gemeinte Bezeichnung
„Jesuit“ einbrachte10. Wenn man zwei Messen hört, heißt es Heuchelei ? Ja, warum dann über-
haupt ins Kloster ?, empörte sich Hantsch über seine Mitbrüder, die ihre religiösen Pflichten
offensichtlich vernachlässigten. Der Musterschüler maturierte mit Auszeichnung, nur in
Mathematik musste er sich mit einem „Gut“ begnügen, und der junge Theologiestudent
wiederholte eine Prüfung freiwillig, weil sie nicht die erhoffte Auszeichnung eingetragen
hatte11. Immer wieder brandmarkte der Novize sein Laster, zu viele Geschichten zu lesen,
weltliche Literatur war gemeint, als schwarzen Punkt im Gewissen12.
Die Vielfalt seiner Interessen und Talente, welche die Anpassung an die schulischen und
klösterlichen Gemeinschaften samt deren Normen sicherlich erleichterte, ließ nicht nur eine
einzige Karriere als denkbar erscheinen. Musikalität war in hohem Maße vorhanden13, ebenso
Interesse an den schönen Künsten, der Literatur ; auch eine lyrische Ader zeigte sich14. Ge-
schichte stieß, wiewohl ein reges Interesse am Zeitgeschehen offensichtlich ist, die Lektüre
7 Hamann, Nekrolog (wie Anm. 1) 345.
8 StA Melk, NL HH, K. 7/51 Tagebuch (= Tb.) 1, Eintrag 07.06.1913.
9 Hamann, Nekrolog (wie Anm. 1) 340.
10 StA Melk, NL HH, K. 7/51 Tb. 3, Eintrag 09.09.1914.
11 Ebd. Tb. 4, Eintrag 18.10.1915.
12 Ebd. Eintrag 07.01.1918.
13 Ebd. Tb. 4, Eintrag 20.11.1915.
14 Ebd.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien