Seite - 455 - in Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
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Hugo Hantsch (1895–1972) 455
einem getauften Mitschüler jüdischer Abstammung und Hantsch entspann sich aber ein
Dialog, den ein heutiger Leser wohl nur mit kritischer Distanz lesen kann. Der Mitschüler
fragte den Maturanten Hantsch, ob er an eine jüdische Nation glaube. Dieser verneinte und
begründete : Erstens gebe es keine gemeinsame Sprache ; zweitens : Wäre das gemeinsame
Band die Religion, würde das auch nichts nützen, da ohnehin kein Jude mehr glaube. Es
gäbe allerdings eine semitische Rasse, aber keine jüdische Nation, wie etwa eine deutsche,
der Jude bleibt auch nach der Taufe ein Jude26. Er wisse allerdings nicht, schränkte Hantsch
dann ein, ob er mit dieser Ansicht Recht habe, und müsse Autoritäten befragen27. Hier wird
ein katholischer Antisemitismus sichtbar, der keiner Untermauerung durch biologistische
Theorien bedurfte und dennoch dem schönerianischen „ob Jud ob Christ ist einerlei…“
zum Verwechseln ähnlich sieht : Denn wohl könnte die Taufe theoretisch die „Schande“
der falschen Geburt reinwaschen, aber praktisch eben nicht, da die Juden gleichsam zum
Unglauben determiniert seien. Diese Theorien, die er offensichtlich von seinem Umfeld
übernommen hatte, verwendete der Maturant jedoch nicht, um den Schulkollegen herab-
zuwürdigen, sondern er versuchte anscheinend ernsthaft, sich der Frage anzunehmen. Auch
fällt auf, dass ihm hier von seinem Mitschüler das Vertrauen entgegengebracht wurde, diese
heikle Frage mit überlegenem Wissen und Objektivität zu entscheiden. Das endgültige
Urteil aber wollte Hantsch nicht selber fällen, dafür mussten „Autoritäten“ herangezogen
werden. Antworten auf wichtige Fragen des irdischen Lebens existierten also, und sie waren
gedeckt durch den katholischen Glaubensschatz und die Überlieferung.
Über die Gräuel des Weltkrieges, der ein Jahr nach seiner Matura ausbrach, gab sich
der junge Hantsch keinerlei Illusionen hin, der Tummelplatz internationaler Politik war
für ihn kein frischfröhliches Tournament nationalistischer Blutrünstigkeit : […] wahrlich,
der Krieg ist ein Schrecken, schrieb er 1914 und bemerkte auch keine Spur der so oft be-
schriebenen Jubel- und Aufbruchsstimmung : […] auf den Gesichtern las man nicht überall
Kriegslust, die meisten waren getrübt und bleich, beschrieb er einrückende Rekruten28. Gott
erbarme sich des Volkes, das um ein Kriegsende fleht. Freilich tun das nicht alle, wohl aber
viele notierte er 191729. Er verfolgte das Kriegsgeschehen jedoch als glühender Patriot
und war fest von der Kriegsschuld der Entente überzeugt, eine Überzeugung, an der er
ein Leben lang festhielt und die den erfahrenen Geschichtsprofessor in den 1960er-Jahren
sogar veranlasste, in seinem Alterswerk „Berchtold“ so etwas wie eine „Alleinunschuld-
these“ bezüglich des Anteils der Doppelmonarchie am Kriegsausbruch aufzustellen. Die
Österreichischen Diplomaten sehen sich aufgrund der unzweifelhaften Beteiligung Belgrads
26 StA Melk, NL HH, K. 7/51 Tb. 1, Eintrag 22.06.1913.
27 Ebd.
28 Ebd. Tb. 3, Eintrag 27.07.1914.
29 Ebd. Tb. 4, Eintrag 10.01.1917.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien