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Hugo Hantsch (1895–1972) 465
staatsrechtlichen Quellen ab, aus den vom Reich gegebenen Privilegien“ des Mittelal-
ters85 ! Auf die „reichsverräterische“ Politik der protestantischen Stände, die in die Allianz
von Hannover mündete, musste der Kaiser seinerseits aus reiner Notwehr mit der Neu-
auflage des habsburgisch-spanischen Bündnisses, ja mit einem „Revival“ des katholischen
Konfessionalismus aus dem frühen 17. Jahrhundert antworten, so sah es der alte Reichs-
patriot und „gute Teutsche“, so sah es sein Biograf86. Überhaupt die Habsburger : Gütig
und wohlwollend waren sie in Hantschs Darstellung, Karl VI. zumindest nach seiner
Kaiserkrönung, in Edelmut bisweilen selbst auf ihre Selbstverteidigung vergessend87. Die-
ser Zug habsburgischer Politik wurde allerdings von Schönborn gerügt. Resignierend und
vergeblich empfahl er schließlich, angesichts des reichsständischen Widerstandes gegen
die vom Kaiser angestrebte reichsrechtliche Anerkennung der Pragmatischen Sanktion,
durch das Reich eine Kette österreichischer Besatzungen zu legen, um die schwächeren
Stände gegen die Einschüchterungsversuche habsburgfeindlicher Reichsstände stärker zu
verteidigen, und, nebenbei, die Durchsetzung habsburgischer Interessen zu sichern88. Un-
verfälschte Machtpolitik, urteilte Hantsch, aber als Ultima Ratio der Verteidigung der
österreichischen Hausinteressen vorgesehen, scheiternd am streng rechtlichen Denken
des Kaisers89. Nicht dynastisches Eigeninteresse, nicht absolutistische Machtgier war für
Hantsch der innerste Antrieb der kaiserlich-habsburgischen Politik, nicht übertriebene
Konfliktscheu ihr Hemmschuh. Stärke und Schwäche, Größe und Tragik der Habsburger
auf dem Kaiserthron lag für den Historiker vielmehr in ihrer Selbstverpflichtung auf eine
von den anderen Reichsständen schon vor der Zeit des habsburgischen Kaisertums her-
beigezwungene und dann jahrhundertelang mit Füßen getretene Rechtsordnung, die sich
in ihrem eigenen Rahmen nur durch Rechtsmittel verteidigen ließ.
Von einer gleichmäßigen Verteilung österreichischer und preußischer Schuld am
Reichszerfall, wie Srbik ihn im Werk seines Habilitanden sehen wollte, kann in summa
keine Rede sein. Hat also Hantsch bei Srbik den Eindruck zu erwecken versucht, er habe
dessen „gesamtdeutsche Geschichtsauffassung“ übernommen ? Hat Srbik Hantschs Arbeit
zu flüchtig gelesen und den Kerngedanken nicht erfasst ? Andererseits stellte Srbik selbst
in seinem Habilitationsgutachten fest, dass Schönborn im Laufe der Jahre immer österrei-
chischer wurde90. Hat er Hantsch, wie dieser später ihm, bewusst Deckung gegeben, die
ideologischen Unterschiede großzügig tolerierend ? Hans Uebersberger sprach sich in der
Habilitationskommission grundsätzlich für die Habilitation Hantschs aus, bemängelte
85 Ebd. 306.
86 Ebd. 299–302.
87 Ebd. 121, Beschreibung Josefs I.; ebd. 329–335, „Rechtsnatur“ Karls VI.
88 Ebd. 328f.
89 Ebd. 329f.
90 UAW, Referat Srbik (wie Anm. 69).
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien