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Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
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Hugo Hantsch (1895–1972) 469 deutschland und stellte so den loyalen österreichischen Staatsdiener vor einen Gewissens- konflikt. Hantsch dagegen befand sich durchaus auf dem Boden der thomistischen Lehrer der Neuscholastik, die in ihrer radikalen Form die Reichsidee als Idee eines Reiches Gottes auf Erden interpretierten110. Moralisch sei es, kirchlich fundamentierte Prinzipien so weit wie möglich in Politik umzusetzen. Zusammenfassend kann man als vorläufige Hypothese formulieren, dass Hantsch sich zwar anlässlich seiner Habilitierung zu Srbiks „gesamtdeutscher Geschichtsauffassung“ bekannt, sie aber offensichtlich nie, auch nicht in österreichischer Nuancierung, geteilt hat. Deshalb verwahrte sich Hantsch nach dem Zweiten Weltkrieg dagegen, Großdeut- scher gewesen zu sein, und nannte sich selbst einen Großösterreicher111. Bekannte sich 110 So in Österreich vor allem Joseph Eberle und Richard Kralik. Dieter Breuning, Die Vision des Reichs. Deutscher Katholizismus zwischen Demokratie und Diktatur 1929–1934 (München 1969) 25–38. Die katholische Politik auf metaphysischen Grundlagen wurde vom Mainstream des Hierarchie und Dogma verpflichteten Denkens des politischen Katholizismus in Österreich und der Weimarer Republik vertreten. Abweichler gab es nur nach ganz rechts (Srbik, Alfred Böhm, Othmar Spann), sowie später nach links (Ernst Karl Winter, Alfred Missong u.a.). Gemeinsam war dem dogmatisch gebundenen Katholizismus auch das Festhalten an der Reichs idee in ihrer naturrechtlichen Grundlage. Umstritten war jedoch, wie weit religiös fundamentierte Rechtsvorstellungen in die Politik eingreifen sollten. Die vom jesuitischen „Probabilismus“ geprägten Sozialpolitiker, die in der kirchlichen Hierarchie sowie in der Christlich-Sozialen Partei dominier- ten, traten dafür ein, mit der herrschenden Staatsform bis zu einem gewissen Grad einen „Modus vivendi“ einzugehen. Zu akzeptieren sei jede nichttotalitäre Staatsform. Das Reich Gottes sei nicht auf Erden vorzufin- den, Staat und Gesellschaft seien voneinander zu trennen. Mit dieser pragmatischen Grundlinie rechtfertigte Ignaz Seipel sowohl den „Vernunftrepublikanismus“ der 1920er-Jahre als auch die umstrittene Kritik an der „Parteienherrschaft als Scheindemokratie“ in seiner Spätzeit, verzichtete aber dabei keineswegs auf die Umset- zung katholischer Glaubensinhalte in die Politik, soweit dies realisierbar erschien. Unter diesen Voraussetzun- gen bedeutete das Bekenntnis zur Reichsidee etwa auch führender deutscher Zentrumspolitiker kein antire- publikanisches Programm, sondern eher ein allgemein gehaltenes Bekenntnis zu „christlich-abendländischer“ Politik, vgl. ebd. 151–154. 111 Großdeutschtum und Großösterreichertum „fein säuberlich zu trennen“ ist zwar, auch aufgrund der ju- ristisch vielfach unklaren Übergänge zwischen Staatsrecht und Völkerrecht, Bundesstaat und Staatenbund, extrem schwierig. Doch erfolgte die Abgrenzung vom modernen Nationalstaat gerade auch durch die habs- burgische Dynastie in ihrem Sendungsbewusstsein unter Berufung auf eine „sakrale“ Lesart von Reichsidee und Reichsgeschichte. Vgl. auch Helmut Rumpler, Österreichs Zeitgeschichte : deutsche Kontinuität ?, in : Kontroversen um Österreichs Zeitgeschichte. Verdrängte Vergangenheit, Österreichs Identität, Waldheim und die Historiker, hg. v. Gerhard Botz (Studien zur historischen Sozialwissenschaft 8, erweiterte Neu- auflage, Frankfurt/M. 2008) 354–365, hier 356f. Der Begriff „großösterreichisch“ ist indes keineswegs mit dem Deutschzentralismus des Neoabsolutismus gleichzusetzen, sondern stammte vielmehr aus dem Vormärz und wurde auch in einer „föderalistischen“ Version verfochten. Alexander Freiherr von Helfert sprach auch von einer „großösterreichischen“ Nation, die mehrere Volksstämme, darunter auch den „deutschen“, um- fasse. Vgl. Gerald Stourzh, Der Umfang der österreichischen Geschichte, in : Probleme der Geschichte Österreichs und ihrer Darstellung, hg. v. Herwig Wolfram, Walter Pohl (Veröff. der Kommission für die Geschichte Österreichs 18, Wien 1991) 3–27, hier 8.
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Österreichische Historiker Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Österreichische Historiker
Untertitel
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
Band
2
Autor
Karel Hruza
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78764-8
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
678
Schlagwörter
Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
Kategorie
Biographien
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