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Hugo Hantsch (1895–1972) 477
der Beherrschung zur Einigung, vom nationalen Machtimperialismus zur übernationalen
Kulturgemeinschaft“ enthalten. Zustimmend zitierte Hantsch den Satz aus dem vorbe-
reiteten Manifest des Thronfolgers für den Tag seiner Thronbesteigung : „In brüderlicher
Liebe sollen die Völker der Donaumonarchie, die historisch und geographisch zusam-
mengehören, nur mehr um die Palme des wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritts
wetteifern.“145 Als hauptsächliches Hindernis für Franz Ferdinands Pläne machte Hantsch
drei nationalistische Gruppierungen aus : die „Verfechter der magyarischen historischen
Staatsidee“, die jungtschechische Bewegung, aber auch die „starken und in geschlossenen
Siedlungen lebenden“ böhmischen Deutschen, also seine nationalistisch gesinnten Lands-
leute. Die politische Gleichberechtigung aller Völker wäre also die Krone eines gemäßig-
ten Fortschritts gewesen, da nur eine langsame, evolutionäre Entwicklung wahrhaft von
Dauer sein könne. An dieser Stelle fallen starke ideelle Querverbindungen zum Staatsden-
ken eines aufgeklärten britischen Konservativismus in der Burke-Tradition auf.
Politische Gleichberechtigung der Völker also, aber dennoch eine Art „Ehrenvorsitz“
der Deutschen ! Hier zitierte Hantsch zustimmend Gottfried Wilhelm Leibniz : „Den
Deutschen gebührt unter allen christlichen Nationen der Vorsitz wegen des Heiligen Rö-
mischen Reiches, dessen Würde und Rechte sie auf ihr Haupt gebracht, welchem die Be-
schirmung des wahren Glaubens, die Vogtei der allgemeinen Kirche und die Beförderung
des Besten der ganzen Christenheit oblieget.“ Dieses „Trostpflaster“ verhieß der Essayist
in seiner rückwärts gerichteten Utopie nun seinen deutschsprachigen Landsleuten in ei-
nem Staat, der im Sinne einer „Menschheitsidee“ mehr als nur ein Staat hätte sein sollen.
Wieder machte sich Hantschs grundsätzliche Habsburg-Nostalgie deutlich bemerkbar.
VIII. Metternich
Besonders aufschlussreich für Hantschs Metternich-Bild ist sein Artikel „Metternich und
Europa“146. Neben der fast euphorischen Bewunderung, die er offensichtlich für diesen
Staatsmann empfand, wird ein Bild des Staatskanzlers deutlich, das Srbiks berühmter
Biografie verpflichtet scheint – und ihr dennoch widerspricht. So schrieb auch Hantsch
Metternich ein „System“ zu, auch er betonte, dass Metternich stark durch sein Erlebnis
der Französischen Revolution geprägt worden sei147. Dass Hantsch genauso wie Srbik
Metternich als konservativen Staatsmann rühmte, versteht sich von selbst. Allerdings
145 Ebd.
146 Hugo Hantsch, Metternich und Europa, in : Neue Jahrbücher für Wissenschaft und Jugendbildung 10
(1934) 328–338.
147 Ebd. 329–331.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien