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484 Johannes Holeschofsky
XII. Politische Tätigkeit
Nach dem Zerfall der Doppelmonarchie sowie den Gebietsabtretungen im Osten, die die
Weimarer Republik nach dem Vertrag von Versailles akzeptieren musste, waren zahlrei-
che Vereine in Österreich und Deutschland entstanden, die einerseits die unter „fremder
Flagge“ lebenden Volksdeutschen organisatorisch zu erfassen trachteten, andererseits um
Unterstützung für die „volksdeutsche Sache“ in den Mutterländern warben181. Die Grund-
stimmung bei diesen Vereinen war revanchistisch. Nach der Machtergreifung Hitlers in
Deutschland und dem Entstehen des „Ständestaates“ in Österreich versuchten die beiden
Diktaturen die Volksdeutschen für ihre ideologischen Ziele zu gewinnen und nahmen
sich der „volksdeutschen Arbeit“, die in demokratisch-republikanischer Zeit mehrheit-
lich privat organisiert worden war, offiziell an182. Der „Austrofaschismus“ hatte in dieser
Frage gegen die überlegenen Mittel des „Dritten Reiches“, aber auch wegen der Sogkraft,
die durch Hitlers Machtpolitik ausgeübt wurde, einen besonders schweren Stand. Der
Hauptvertreter der volksdeutschen Arbeit in Österreich, der „Deutsche Schulverein Süd-
mark“, schwamm alsbald auch im NS-Fahrwasser183. Nun entschloss sich Kanzler Dollfuß
1934, eine vaterländische Arbeitsgemeinschaft ins Leben zu rufen, die das volksdeutsche
Publikum für die ständestaatliche Ideologie gewinnen sollte184. Der Österreichische Ver-
band für volksdeutsche Auslandsarbeit (ÖVVA) entstand. Der ehemalige Unterrichts-
minister Emmerich Czermak wurde zunächst zu dessen Schlüsselfigur. Inzwischen aber
hatte Hantschs Freund Stepan in seiner Funktion als Bundesleiter der Vaterländischen
Front eine Arbeitsgemeinschaft für das Auslandsdeutschtum ins Leben gerufen, dessen
ehrenamtliche Leitung Hantsch übernahm185. 1935 wurde Hantsch, um die entstandene
Doppelgleisigkeit zu beenden, Mitglied des ÖVVA-Vorstandes und schließlich Verbands-
obmann. Seine Tätigkeit äußerte sich nun vor allem in Vorträgen sowie in Artikeln für
die Österreichische Korrespondenz für volksdeutsche Auslandsarbeit (ÖKVDA)186, aber
auch in „Spähreisen“ zu Auslandsdeutschen, um Einblicke in ihre aktuelle Lage zu ge-
winnen. Hantschs Tätigkeit in diesem Bereich zeigt wie auch seine Verwendung in Graz,
dass er aufgrund seiner sudetendeutschen Herkunft gerade dort vom „Austrofaschismus“
eingesetzt wurde, wo es um die Gewinnung eines besonders deutschnational gesinnten
Publikums für den „vaterländischen Gedanken“ ging.
181 Tölg, Ideologie (wie Anm. 1) 48. Tölg hat diese politische Tätigkeit Hantschs ausführlich dargestellt.
182 Ebd. 48f.
183 Ebd. 49.
184 Ebd.
185 Ebd. 50.
186 Ebd.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien