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Hugo Hantsch (1895–1972) 485
Dass Hantsch durch seine Vortragstätigkeit alsbald zur Zielscheibe nationalsozialisti-
scher Störversuche wurde, zeigt ein Zwischenfall aus dem Jahr 1936 : Hantsch hielt an der
Universität Graz am 4. Dezember den Vortrag „Österreich und das Auslandsdeutschtum“.
Laut dem Bericht des Rektors Adolf Zauner sei der Vortrag, solange Hantsch ganz allge-
mein ohne jeden politischen Einschlag gesprochen hätte, ohne den geringsten Zwischenfall
verlaufen. Alle Anwesenden hörten mit gespannter Aufmerksamkeit zu187. Als der Vortra-
gende jedoch meinte, es sei bekannt, dass sich die Hoffnungen der Südtiroler auf Öster-
reich richteten, kam es zu lauten Zwischenrufen und Tumulten. Nun sei, so der Bericht
weiter, der Ruf Wem Südtirol am Herzen liegt, der gehe erschallt, woraufhin zirka 100–120
Studierende den Hörsaal in voller Ruhe, wie Zauner betont, verlassen hätten. Die verblie-
benen ungefähr 100 Zuhörer hätten eine Kundgebung für Österreich und die Regierung
Schuschnigg veranstaltet188. Dieser Vorfall schlug hohe Wogen. Der Rektor sprach den
illegalen nationalsozialistischen Studenten seine Missbilligung aus. Er verband aber seine
Stellungnahme mit der Warnung, es würden vor allem diese Studierenden geschädigt, ge-
gen die bereits wegen früherer Verfehlungen ein bedingter Verweisungsbeschluss ausgesprochen
worden war. Es schien also, als hätte Zauner weniger die Störhandlung an sich bekrittelt,
als bereits mehrmals politisch „Aufgefallene“ vor den möglichen Konsequenzen ihrer agi-
tatorischen Aktivität gewarnt und somit zu schützen versucht189. Am 15. Dezember fand
schließlich eine vaterländische Gegenkundgebung statt, wobei Studierende in mehrere
Grazer Gaststätten eindrangen und vaterländische Lieder sangen. Auch diesen Studenten
sprach nun der Rektor seine schärfste Missbilligung aus, da ein „störendes“ Absingen va-
terländischer Lieder in Gaststätten kein Zeichen des Patriotismus sein könne, sondern im
Gegenteil den vaterländischen Gedanken herabwürdige190. Das Vorgehen Zauners sorgte
wiederum für Unmut bei den Vaterländischen, zumal sich das Liederabsingen nicht auf
akademischem Boden abgespielt hatte. So schrieb der Landesleiter der VF, Alphons Gor-
bach : Für den Fall, daß Übergriffe der Hochschülerschaft nach alter Praxis mit zweierlei Maß
gemessen würden, würde die VF ihre Studenten mit allem Nachdruck in Schutz nehmen191.
Der Rektor rechtfertigte sich, er sei mit strikter Objektivität vorgegangen192. Das BMU
beschloss schließlich, von offensichtlich geforderten disziplinarischen Schritten gegen
Zauner abzusehen und rügte lediglich dessen wenig glückliche Wortwahl193.
187 ÖStA, AdR, Beilagen PA Hugo Hantsch, Zl. 41563 Z, Bericht des Rektorates der Karl-Franzens-Universität
an das BMU vom 05.12.1936.
188 Ebd.
189 Ebd. Zl. 47/37, Stellungnahme des Rektorats der Karl-Franzens-Universität vom 09.12.1936.
190 Ebd. Zl. 43462/36, Stellungnahme des Rektorats vom 19.12.1936.
191 Ebd. Zl. 44104/36, „Grazer Volksblatt“ 23.12.1936.
192 Ebd. Stellungnahme des Rektors Zauner an das BMU vom 24.12.1946.
193 Ebd. Zl. 44104/1, Stellungnahme des BMU vom 30.01.1937.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien