Seite - 492 - in Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Bild der Seite - 492 -
Text der Seite - 492 -
492 Wolfram Ziegler
seine deutschsprachigen Minderheiten über Zentraleuropa zerstreut sah und nur schwer
in seine neue Rolle fand, geschrumpft. Es bestanden daneben aber auch weitere Prob-
leme. So wurde etwa ein ökonomischer „Strukturbruch“, der Österreich betroffen hätte,
diagnostiziert8. Klebel reagierte auf diese Umbrüche in den kommenden Jahren indif-
ferent : er stand dem Rechtskatholizismus, dem Deutschnationalismus und schließlich
dem Nationalsozialismus nahe9. Was die Rechtskatholiken anbelangt, kann man Klebel
daher aufgrund dieser Mischung den „Katholisch-Nationalen“, deren politische Position
vor allem antimodernistisch war, zurechnen10. Abseits der politischen Positionssuche fand
sich Klebel zunächst in akademisch geprägten sozialen Gruppen. Es waren dies das der
Universität Wien angegliederte IÖG, aber auch der Cartellverband (= CV)11. Diese Bezie-
hungen müssen jedoch zunehmend von einem gewissen Maß an Eigenwilligkeit konter-
kariert worden sein. Anders sind viele Details seiner Biografie, auf die noch eingegangen
wird, nicht erklärbar12. So schrieb etwa Hans Hirsch, einer der maßgeblichen Wiener
Ordinarien, dessen Wohlwollen für den akademischen Karriereverlauf von nicht zu un-
terschätzender Bedeutung war, sehr pointiert über Klebel. Und er war nicht der Einzige13.
8 Ernst Hanisch, Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert
(Österreichische Geschichte 1890–1990, Wien 1994) 277f. Österreich sei, abgesperrt von den Nachfolgestaa-
ten mit schmaler Energiebasis, unterentwickelter Landwirtschaft und disproportionalen Industriestandorten,
vor großen sozioökonomischen und politischen Problemen gestanden.
9 Mündliche Mitteilung von Hermann Spitaler von der CV-Verbindung Amelungia vom 29.07.2009 auf der
Basis von Archivmaterial des Österreichischen CV. Siehe dazu auch unten Kap. IV.
10 Zu den Katholisch-Nationalen siehe Peter Broucek, Katholisch-Nationale Persönlichkeiten (Wiener Katho-
lische Akademie, Miscellanea LXII, Arbeitskreis für Kirchliche Zeit- und Wiener Diözesangeschichte, Wien
1979) 2f.
11 Genauer der CV der katholischen deutschen Studentenverbindungen, dem die österreichischen katholischen,
farbtragenden, nichtschlagenden Verbindungen bis 1933 angehörten. Zur Zugehörigkeit zu den erwähnten
Gruppen siehe etwa OÖLA, NL IZ, Schachtel 3, Klebel an Zibermayr, Wien 10.12.1924 : Bitte die Cartell-
brüder und Institutsgenossen im Linzer [recte : Oberösterreichischen] Landesarchiv bestens zu grüßen. Indem ich
nochmals bestens danke, verbleibe ich mit cartellbrüderlichem Gruß.
12 Siehe Kap. IV.
13 Siehe Heinrich Ritter von Srbik. Die wissenschaftliche Korrespondenz des Historikers 1912–1945, hg. v. Jür-
gen Kämmerer (Deutsche Geschichtsquellen des 19. und 20. Jahrhunderts 55, Boppard am Rhein 1988) Nr.
315, 493, Hans Hirsch an Srbik, Wien 30.07.1938 : […] wenn er dann wieder wie so oft einen Unsinn macht,
trifft uns nicht die Verantwortung. Er hätte das Extraordinariat für historische Hilfswissenschaften in Berlin haben
können, das anzunehmen sogar ich ihm riet. Warum tat er das nicht ? Jetzt muß er eben nehmen, was ihm geboten
wird. Zu Hirsch siehe Andreas Zajic, Hans Hirsch (1878–1940). Historiker und Wissenschaftsorganisator
zwischen Urkunden- und Volkstumsforschung, in : Österreichische Historiker (wie Anm. 2) 307–417. Zu
Heinrich Srbik siehe den Beitrag von Martina Pesditschek in diesem Band. In diesem Zusammenhang sei
erwähnt, dass Klebel eine sehr direkte Art pflegte, die vielen als nicht tragbar erschienen sein mag. Als Beispiel
sei eine Postkarte an den deutschen Historiker Friedrich Bock erwähnt : Klebel wies Bock, den er nicht persön-
lich kannte, auf mehrere Fehler in dessen Aufsatz über das Kloster Ettal (Friedrich Bock, Die Gründung des
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien