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Ernst Klebel (1896–1961) 499
Geschichte der „benachbarten germanischen, romanischen und slavischen Völker“ behan-
delt werden sollten40. Klebel verfasste in dieser Zeitschrift den Aufsatz „Die Erforschung
der Herrschaften und Gerichte der Alpenländer und ihrer Bedeutung für die südostdeut-
sche Kolonisation“.41 Wissenschaftssoziologisch und -historisch ist die Frage nach der
„südostdeutschen Kolonisation“ sicherlich, wie viele der Themen von Klebels Studien, in
die geschilderte Ausrichtung der neuen Zeitschrift gut einzuordnen. Klebel hatte schon
zehn Jahre zuvor eine Studie mit verwandter Themenstellung veröffentlicht42. Es handelte
sich also um ein grundsätzliches Forschungsinteresse Klebels, das sich nun gut in die ge-
forderte neue Orientierung der Geisteswissenschaften einfügte. Mit der Frage nach der
Gerichts- und Herrschaftsorganisation behandelte Klebel allerdings per definitionem So-
zial- und Rechtsbeziehungen zwischen Herrschenden und Beherrschten und nur bedingt
die eines imaginierten „Volkskörpers“. Ähnlich verhält es sich mit seinem an anderer Stelle
publizierten Aufsatz „Herzogtümer und Marken bis 900“, in welchem er der Entstehung
der Titel dux, comes, missi und praefectus, also den höchsten Herrschaftspositionen nach
dem König- und Kaisertum, nachgeht43. In der Zusammenfassung kommt Klebel zu dem
Ergebnis, dass sich nun „die Entwicklung des Herzogsamtes bis zu den Stammesherzö-
gen des 10. Jahrhunderts deutlicher als bisher erkennen [ließe], andererseits ließen sich
die Grundgedanken im Aufbau des Karolingerreiches klarer als bisher feststellen“. Klebel
meint zudem weiters, dass „von diesen Grundgedanken aus […] [der] Weg zur Wertung
des Karolingerreichs für die Geschichte der deutschen Volkswerdung“ führe44. Klebel war
auch an dieser Stelle durchaus klar, dass er größtenteils nur über die Vorbedingungen, die
zur Entstehung des römisch-deutschen Regnums führten, schrieb, auch wenn er das teleo-
logisch gerichtete Erkenntnisinteresse erwähnt. Eine interessante Passage dieses Aufsatzes
soll noch Erwähnung finden, in welcher er Karl den Großen beurteilt, der aufhöre „jene
liberale Idealfigur zu werden, die gesundes Volksempfinden mit Recht ablehnt“45. Mit
dieser Bemerkung befand sich Klebel nur bedingt im geschichtswissenschaftlichen Main-
stream. Zwar hatte Alfred Rosenberg, der „Chefideologe“ der NSDAP, Karl den Großen,
den damaligen ideologischen Deutungsmustern entsprechend, mittelalterliche Herrscher
40 Wilhelm Volz, Hans Schwalm, Zum Geleit, in : Deutsche Hefte für Volks- und Kulturbodenforschung 1
(1930/31) 1–3, hier 2. Zum Gang der Forschung über die Propagandaformel der Volksgemeinschaft siehe
Frank Bajohr, Michael Wildt, Einleitung, in : Volksgemeinschaft. Neue Forschungen zur Gesellschaft des
Nationalsozialismus, hg. v. dens. (Die Zeit des Nationalsozialismus, Frankfurt/M. 2009) 7–23.
41 In : Deutsche Hefte für Volks- und Kulturbodenforschung 1 (1930/31) 57–67.
42 Die Ostgrenze des Karolingischen Reiches, in : JbLKNÖ 21 (1928) 348–380. ND, in : Die Entstehung des
deutschen Reiches (Deutschland 900) (Wege der Forschung 1, Darmstadt 1956) 1–41.
43 Ernst Klebel, Herzogtümer und Marken bis 900, in : DA 2 (1938) 1–53, passim.
44 Ebd. 50f.
45 Ebd. 51. Zu Karl dem Großen siehe zuletzt Rosamond McKitterick, Charlemagne. The Formation of
European Identity (Cambridge 2008).
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien