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508 Wolfram Ziegler
ferisch gab und weitere politische Zusammenstöße andeutete. Er gab zudem der Hoffnung
auf ein politisches Erdbeben, also wohl einen erfolgreichen Putsch der Natio nalsozialisten,
Ausdruck und bat um Rat, ob Srbik beziehungsweise die Fakultät es für sinnvoll hielten,
gegen die Aberkennung juristisch vorzugehen.90 Gegen den Entzug ging Klebel in weite-
rer Folge gerichtlich vor und wählte Arthur Seyß-Inquart zu seinem Anwalt91. Klebel
verlor aber letztinstanzlich vor dem Bundesgerichtshof am 7. Dezember 1935. Zum Ver-
hängnis wurde ihm, dass er in dem Verfahren unumwunden zugab, Nationalsozialist zu
sein und grundsätzlich und fachlich betont die österreichische Bundesregierung und die von
ihr vertretene Innen- und Außenpolitik abfällig beurteilt. Einerseits belastete sich Klebel also
selbst schwer, versuchte aber auch Milderungsgründe anzuführen. So habe er bei den ka-
tholischen Hochschulwochen in Salzburg Vorlesungen gehalten und sei gegen Irrtümer der
preussisch-protestantischen Geschichtsauffassung und solche [Alfred] Rosenbergs aufgetreten92.
ner Wertschätzung sagen, daß ich vorgestern bei Staatssekretär [Hans] P.[ertner] war […] und daß ich bei diesem
Anlaß auch Ihre Angelegenheit zur Sprache brachte. Zu Pertner, Staatssekretär im Unterrichtsministerium, siehe
Zajic, Hirsch (wie Anm.13) 330f.
90 Burkhard Klebel, NL EK, Entwurf eines Briefes in Gabelsberger Kurzschrift von Ernst Klebel an Srbik vom
8.10.1934 auf der Rückseite des oben zitierten Briefes : Meine Sache ist ja nur eine kleine Teilphase der augen-
blicklichen Entwicklung in unserer Heimat, das ( !) trotz der düsteren Ereignisse in diesem einen Jahr 1934 vielleicht
noch Düsternis in ihrem Schoß birgt. Jene Kreise, die beim Herrn Bundeskanzler den Erlass gegen mich durchge-
setzt haben, sind noch lange nicht am Ziel ihrer Wünsche ; und nur ein positives Erdbeben, um diesen Vergleich zu
äußern, kann sie abhalten, ihrem Ziel zuzustreben. Auch mein Geschick hängt mit dem gesamten Geschick unseres
Landes und Volkes zusammen, ja gegenüber dem, was man hier in meiner Heimat eigentlich in Stadt und Land
sehen und hören kann, ist [,] was mich betroffen hat, für den Augenblick sehr wenig. (…) Entschuldigen Sie, hoch
verehrter Herr Minister, wenn ich sie noch mit einer Frage belästige. Als ich mich im Juli bei einigen juristischen
Freunden nach der Rechtslage erkundigte, wurde mir gesagt, ich könnte nach Ablehnung meiner Einwendung durchs
Min.[isterium] ans B[undes]gericht gehen und es wären sogar einige Aussichten auf Erfolg dabei. So gering ich dies
einschätze, so möchte ich mir doch die Frage erlauben, ob die Fakultät vielleicht um der politischen Bedeutung der
Sache willen ein Bundesgerichtsurteil herbei geführt sehen möchte und danach mich unterrichten. Für die Übertra-
gung aus der Gabelsberger Kurzschrift danke ich Andreas Kloner.
91 UAW, PA EK, Lebenslauf (Typoskript) fol. 8. Burkhard Klebel, NL EK, Brief Arthur Seyß-Inquarts an Kle-
bel vom 11.11.1934, bezüglich der Einbringung der Beschwerde beim Bundesgerichtshof : Sehr geehrter Herr
Doktor ! Im Besitze Ihrer geschätzten Zuschrift vom 13. d. M. samt Beilage erlaube ich mir mitzuteilen, dass ich
die Beschwerde an den Bundesgerichtshof frist gerecht überreicht habe. Ich behalte mir weiteren Bericht vor und
zeichne in vorzüglicher Hochachtung Arthur Seyß-Inquart. Zu Seyß-Inquart, der einer der österreichischen „Brü-
ckenbauer“ der Nationalsozialisten beim „Anschluss“ war, siehe Wolfgang Rosar, Arthur Seyss-Inquart in
der österreichischen Anschlußbewegung (Wien Diss. 1969) ; Hanisch, Schatten (wie Anm. 8) 342–345 ;
Broucek, Persönlichkeiten (wie Anm. 10) 1 ; Oliver Rathkolb, Die Rechts- und Staatswissenschaftliche
Fakultät der Universität Wien zwischen Antisemitismus, Deutschnationalismus und Nationalsozialismus, in :
Willfährige Wissenschaft. Die Universität Wien 1938–1945, hg. v. Gernot Heiss, Siegfried Mattl, Sebas-
tian Meissl, Edith Saurer, Karl Stuhlpfarrer (Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik 43, Wien
1989) 197–232.
92 Urteil des Bundesgerichtshofes im UAW, PA EK fol. 59–62, Zitat fol. 60.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien