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520 Wolfram Ziegler
Hilfswissenschaften publiziert, sondern bediente sich ihrer als Allgemeinhistoriker und
stand damit in der Mediävistenszene Österreichs nicht im Zentrum der wissenschaftli-
chen Debatten. Hinzu kommt ein sehr thesenhafter Schreibstil, der die Lektüre seiner
Werke nicht erleichtert144. Um die größeren angesprochenen Arbeiten gruppierte sich
eine Vielzahl kleinerer, die aber fast immer wieder denselben Forschungsgegenstand in
den Fokus nahmen, in etwa : Wo lebten Deutsche und seit wann ? Das NS-Regime nutzte
solche Argumentationsmuster, um seinen auf Expansion, Rassismus und Ressourcenraub
beruhenden Kriegsplänen Legitimation zu verleihen. Thematisch gesehen entsteht bei der
Betrachtung des Gesamtwerks Klebels einerseits das Bild einer gewissen Geschlossenheit,
wobei das erwähnte Fehlen einer großen Monografie auffällt, die etwa Karl Lechner, der
mit Klebel in engem Kontakt stand, mit seinem Buch über die Babenberger vorlegte145.
Zu bedenken ist sicher auch, dass Klebel in Österreich keine Schüler hatte und so auch
deshalb in den Debatten der Geschichtswissenschaft keine wesentliche Rolle mehr zu
spielen vermochte. Die wissenschaftlichen und wissenschaftsgeschichtlichen Kämpfe und
Emotionen entzündeten und entzünden sich an den „großen Namen“, wie etwa Otto
Brunner oder Theodor Mayer146. Klebel polarisierte eher zu Lebzeiten, wohl nicht zu-
letzt durch sein Auftreten147. Er dürfte eine kontroversielle Persönlichkeit gewesen sein,
144 Vgl. etwa Klebel, Siedlungsgeschichte (wie Anm. 52) 11 : „Die ideellen Strömungen, die zur ‚Renaissance‘
des tschechischen und madjarischen Volksbewußtseins führten, sind viel besser bekannt als die sozialen Ent-
wicklungen. Die Neigung einer großen Zahl deutscher Historiker, alle Forschungen einer ‚Geistesgeschichte‘
im Sinn eines relativistischen Neuhegelianismus unterzuordnen, muß dazu führen, auch die nationalen
Kämpfe lediglich vom Boden der Ideenwelt, also von Herder, der Romantik oder dem Liberalismus her zu
sehen. Ich glaube, dass damit das Wesen nationaler Kämpfe verkannt wird ; das Wesentliche an den nationa-
len Kämpfen irgendeiner Epoche ist Geltung und Machtstreben, der natürliche Egoismus einer Volkseinheit.
In der Auseinandersetzung zweier Volkseinheiten spielt deren Aufbau als Volkskörper die Frage der Bildung
der Führerschicht die entscheidende Rolle. Die ideelle Entwicklung steht hier in zweiter Linie.“ Ebd. 12 :
„Germanische Siedlung geschieht nur in der Gemeinschaft. […] Dem Germanen gilt Land und Arbeit mehr
als Gold und Wohlleben.“ Ebd. 34 : „Man kann ruhig den Satz wagen, wo nicht fremde Verfassungsformen
einen Halt boten, kam kein größerer Slawenstaat zustande.“
145 Karl Lechner, Die Babenberger. Markgrafen und Herzöge von Österreich 976–1246 (Veröff. des IÖG 23,
Wien/Graz 31985). Im NÖLA, NL EK, Korrespondenz 1, Mappe 3, befinden sich zahlreiche Briefe Lechner
– Klebel.
146 Vgl. etwa Gadi Algazi, Herrengewalt und Gewalt der Herren im späten Mittelalter (Historische Studien 17,
Frankfurt/M. 1996), mit einer nicht vollständig überzeugenden Kritik an bestimmten Thesen Brunners.
147 Vgl. oben die Einschätzung von Dopsch im Zuge des Habilitationsverfahrens. Ginhart meinte : Wohin er
sich setzte, dort sprühten Funken, siehe UAR, Philosophisch-Theologische Hochschule, 186/2, Klebel, Brief
Ginharts an Jakob Hommes vom 27.01.1961. Theodor Mayer meinte 1939 : Überlegen Sie aber doch einmal
selbst, ob an all dem Missgeschick. dass Sie betroffen hat, nur äußere Umstände Schuld sind, ob Sie nicht selbst viel
verpatzt haben. Ich verstehe Ihre Gereiztheit, aber ich glaube nicht, dass jemand mehr für Sie getan hat als ich
[…], siehe NÖLA, NL EK, K. 6, Korrespondenz, Mappe 4 (Theodor Mayer), Brief Mayers an Klebel vom
15.06.1939. Dort heißt es weiters : Als ich vor einem Jahr in München war und Sie mich ins Ministerium und
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien