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528 Stefan Eminger und Ralph Andraschek-Holzer
ren. Er wirkte als Vortragender in zahlreichen katholischen Fortbildungsveranstaltungen,
fungierte als Obmann der „Akademischen Rompilgerschaft“26, war Mitglied der katho-
lischen Leo-Gesellschaft und engagierte sich in den religiösen Vereinen seines späteren
Wohnortes Mauer bei Wien27.
I.4 Soziale Arbeit
Intensiver als die meisten anderen Jugendgemeinschaften befasste sich „Neuland“ mit
sozialen und politischen Problemen. Das soziale Engagement wurde insbesondere von
Pfliegler forciert28, und Lechner wie auch seine zukünftige Gattin zählten zu denjeni-
gen, die diese Bemühungen aktiv unterstützten29. Auch die Bekanntschaft Lechners
mit dem von ihm sehr geschätzten Historiker Karl Helleiner könnte aus dieser Zeit
herrühren. Helleiner, Schwiegersohn des jüdischen sozialdemokratischen Spitzenpoli-
tikers Julius Deutsch, war als Führer junger Sozialisten Anfang der 1920er-Jahre mit
Pfliegler in Kontakt gekommen und hatte sich mit diesem angefreundet30. Lechner
setzte sich vor allem in den 1920er-Jahren intensiv mit der österreichischen Sozialde-
mokratie auseinander. Mit kritischer Aufmerksamkeit und viel Verständnis studierte
er die „Arbeiter-Zeitung“31, und beim Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiter-
partei im Favoritner Arbeiterheim 1925 dürfte sich Lechner sogar unter den Zuhö-
rern befunden haben. Er berichtete davon mit „aufrichtiger Bewunderung“ und fand
bei allem Misstrauen „vor allem in Fragen der Religion und der Weltanschauung das
Positive unverkennbar“32. Lechner strich die Gemeinsamkeiten der „Neuländer“ mit
den Sozialdemokraten heraus ; etwa das Streben, einen „neuen Menschen“ zu schaf-
fen, die Kritik an der Korrumpierung des öffentlichen Lebens, und besonders beein-
druckt war er von der sachlichen Diskussion am Parteitag. Er kritisierte die Borniert-
v. Ferdinand Klostermann, Hans Kriegl, Otto Mauer, Erika Weinzierl (Wien/München 1967)
23–53, hier 34.
26 Karl Lechner, Akademische Rompilgerschaft, in : Unser Weg. Blätter für zeitgerechtes Studententum 5 (Os-
tern 1923) 63 ; Die erste Pilgerfahrt österreichischer Akademiker ins Heilige Land (Wien 1928).
27 ANÖLR, PA KL, Fragebogen der Landeshauptmannschaft Niederösterreich vom 23.01.1946 samt Beilagen.
28 Breuning, Vision (wie Anm. 24) 94.
29 Helga Kolisko : Helft mit !, in : Neuland 2 (Allerseelenmond 1925) 241.
30 Kapfhammer, Neuland (wie Anm. 22) 42 ; zu Helleiner, der seit Ende 1927 als Stadtarchivar von St. Pölten
beschäftigt war, 1939 wegen seiner als Jüdin verfolgten Frau emigrieren musste und sich in Toronto (Kanada)
eine neue Existenz schuf, siehe Karl Gutkas, Karl Helleiner †, in : MIÖG 92 (1984) 525–527, sowie Fell-
ner, Corradini, Geschichtswissenschaft (wie Anm. 2) 181.
31 Karl Lechner, Sozialistische Kultur ?, in : Neuland 3 (Oster 1926) 91–95.
32 Karl Lechner, Gedanken zum sozialdemokratischen Parteitag, in : Neuland 3 (Hartung 1926) 15–19, hier
19.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien