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532 Stefan Eminger und Ralph Andraschek-Holzer
I.6 Ein „Programm junger Katholiken“
Als am Tiefpunkt der Weltwirtschaftskrise die Stimmen nach Überwindung des parla-
mentarisch-demokratischen Systems lauter und das Vertrauen der katholischen Jugend
in die regierende Christlichsoziale Partei zunehmend geringer wurden, konstituierte sich
1932 auch eine Gruppe katholischer Intellektueller und trat mit einem „Programm junger
Katholiken“ für eine „völkisch-staatliche Neugestaltung“ ein54. Laut Theodor Veiter, selbst
Mitglied dieser Gruppe, gehörte auch Lechner diesem Kreis an55. Die Gruppe firmierte
später als „Volksdeutscher Arbeitskreis österreichischer Katholiken“, war an der Vorberei-
tung des „Deutschen Katholikentages“ 1933 in Wien maßgeblich beteiligt und initiierte
mehrere geschichtspolitische Publikationsprojekte. Sie setzte sich überwiegend aus Mit-
gliedern des deutschnationalen rechten Randes im katholischen CV (etwa Wilhelm Wolf,
Taras Borodajkewycz, Walter Ternik, Theodor Veiter, Ernst Klebel56) und „Neuländern“
(neben Lechner etwa auch Karl Rudolf, Anton Böhm, Franz Riedl, Fritz Flor) zusammen ;
wieder andere, wie etwa Reinhold Lorenz oder der spätere Bundeskanzler Josef Klaus,
standen dem Bund „Neuland“ zumindest nahe57. Das genannte Programm wurde zwar
nie in vollem Wortlaut veröffentlicht58, fand aber in der Reichspost in die von Friedrich
Funder neu geschaffene Kolumne „Der junge Strom“ in veränderter Form Eingang. Wenn
auch nicht mit Sicherheit behauptet werden kann, dass Karl Lechner dieses Programm in
allen Einzelheiten mitgetragen und gutgeheißen hat, sei es dennoch in der Fassung, wie
es sein Freund Franz Riedl gleich in der ersten Folge des „jungen Stroms“ erläutert hat,
vorgestellt.
54 Anton Staudinger, Zu den Bemühungen katholischer Jungakademiker um eine ständisch-antiparlamenta-
rische und deutsch-völkische Orientierung der Christlichsozialen Partei, in : Februar 1934. Ursachen – Fakten
– Folgen, hg. v. Erich Fröschl, Helge Zoitl (Thema Zeitgeschichte 2, Wien 1984) 221–231, hier 224f.;
Anton Staudinger, Austrofaschistische „Österreich“-Ideologie, in : Austrofaschismus. Politik – Ökonomie
– Kultur 1933–1938, hg. v. Emmerich Tálos, Wolfgang Neugebauer (Politik und Zeitgeschichte 1, Wien
52005) 28–52, hier 31–33.
55 Theodor Veiter, Politik, Gesellschaft, Wissenschaft. Memoiren aus Politik und Zeitgeschichte unter Mitar-
beit von Isabella Ackerl und Edith Wimmer (Thaur bei Innsbruck 1993) 104 ; Institut für Zeitgeschichte
Wien, Archiv, K. Do 183, Nl 10, Sammlung Theodor Veiter, Mappe 1 ; beiliegend auch die Liste der Mitglie-
der von 1932.
56 Zum rechten Rand des CV samt einigen Kurzbiografien der Genannten siehe Herbert Fritz, Reinhart
Handl, Peter Krause, Gerhard Taus, Farben tragen, Farbe bekennen 1938–45. Katholische Korporierte in
Widerstand und Verfolgung (Wien 1988) 381–388.
57 Seewann, Jugendbewegung 2 (wie Anm. 24) 771.
58 Das Programm findet sich im Institut für Zeitgeschichte Wien, Archiv, K. Do 183, Nl 10, Sammlung Theodor
Veiter, Mappe 1 ; beiliegend auch die Liste der Mitglieder des „Volksdeutschen Arbeitskreises österreichischer
Katholiken“ von 1932.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien