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536 Stefan Eminger und Ralph Andraschek-Holzer
Die Auflösung der gesellschaftlichen Widersprüche und die harmonische Einbindung
von politisch links wie rechts Stehenden erblickte Lechner damals weder in der Politik noch
primär im Volk, sondern in der Einheit der „volkstumsfreundliche[n], übervölkische[n]
Kirche“. Durch die Pfarre sollte „der heimatlose Großstädter, der Proletarier wieder Wur-
zel fassen“ können, durch sie sollte „vielen Menschen wieder Heimat bereitet“ werden,
auf dass sie „wieder eingegliedert werden in das Volk, zur Volksgemeinschaft zurück-
geführt werden“. Die Pfarrgemeinschaft werde „sich weiten zur Volksgemeinschaft und
umgekehrt wird der national Denkende gerade in der Kirche den Bejaher und Schützer
der Nation – als einer Idee Gottes – erblicken können, wird erkennen, wie sehr alle natür-
lichen Grundlagen des eigenen Volkes verklärt und emporgehoben werden in die volks-
tumsfreundliche, übervölkische Einheit der Kirche“.
Auch in einer anderen Passage seiner katholischen Publizistik zeigte sich, dass Lechner
den Begriff „Volk“ nicht „rassisch“, sondern weltanschaulich-politisch fasste. Zugleich
stellte er aber auch klar, dass er sich die angeblich notwendige Neuordnung des mittel-
europäischen Raumes nur unter der Führung des deutschen Volkes vorstellen konnte.
„Familie und Heimat, wenn sie ganz tief erlebt werden, müssen zum Letzten führen,
zum Volk. Nicht Boden und Landschaft, nicht Sprache und Rasse, nicht die Beziehung
zum Staat machen ein Volk zum Volk“, schrieb er 1935, „sondern seine geschichtliche
Sendung, seine politische Funktion unter den Völkern.“72 Und diese Sendung des
deutschen Volkes sei es nun, „Volk der Mitte zu sein […] und Führer zu sein im mittel-
europäischen Raum“73.
Obwohl sich Lechner hier gegen eine rassische Definition von Volk wandte und ob-
wohl er sein wissenschaftliches Œuvre wie auch seinen privaten und amtlichen Schrift-
verkehr von antisemitischen Tendenzen weitestgehend frei gehalten hatte, war doch auch
er von rassistischen Denkmustern geprägt. Ganz selten verlieh er diesen so deutlich Aus-
druck wie in einem Aufsatz über eugenische Bestrebungen von 1934. Darin bezeichnete
er „das Verlangen, die eigene Rasse hoch und ungeschändet zu erhalten, als ein gesun-
des und richtiges“74. Denn „[g]roße geistige und körperliche Nachteile seien von Ras-
senmischungen ausgegangen“, und selbst wenn diese Nachteile nicht sofort erkennbar
würden, sei es „ein heiliges Recht, für die Reinerhaltung der eigenen Rasse einzutreten“.
Offenbar Bezug nehmend auf die allmählich anlaufenden antisemitischen Maßnahmen in
NS-Deutschland fuhr er fort : „Es ist ein entwürdigendes Schauspiel, wie viele Mädchen
72 Karl Lechner, Familienkunde, Heimat- und Volkstumspflege, in : Die Familie 10, Nr. 2 [1935] 13–16, hier
16.
73 Ebd.
74 Karl Lechner, Wie stellt sich der Mann und Vater zu den eugenischen Bestrebungen ?, in : Das Familien-
glück. Blätter für katholische Familiengestaltung 9 (Januar–Februar 1934) 5–9, hier 8 wie auch die folgenden
Zitate.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien