Seite - 539 - in Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
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Karl Lechner (1897–1975) 539
Entwurf zeugten von dieser Nähe ebenso wie die beiden Konzepten inhärente deutsch-ös-
terreichische „Sendung“ als vorgeblich friedenssichernde Ordnungsmacht im multinationa-
len mitteleuropäischen Raum. Die Unterschiede lagen vor allem in der Bewertung der Rolle
Preußens und NS-Deutschlands, die seitens des „Ständestaates“ in eins gesetzt wurden85.
Während die „vaterländische“ Geschichtskonstruktion die alleinige Führungsrolle eines
universalistisch katholisch-deutschen Österreichs betonte, war die gesamtdeutsch-national-
sozialistische Position bestrebt, im Wege eines „innerdeutschen Ausgleichs“ auch dem Preu-
ßentum eine gleichermaßen positive Rolle in der deutschen Geschichte zuzugestehen86.
I.7 Das wissenschaftliche Netzwerk – der Verein für Landeskunde von Niederösterreich
Neben dem Bund „Neuland“, der zwar das Wohlwollen Kardinal Innitzers genoss, aber
Mitte der 1930er-Jahre in den Verdacht nationalsozialistischer Betätigung geraten war87,
bildete der VfLKNÖ ein weiteres wichtiges Netzwerk für Lechner. Der 1864 gegründete
Verein war seit dem Ende des 19. Jahrhunderts mit dem NÖLA und der niederöster-
reichischen Landesverwaltung eng verwoben. Er bezweckte, das Land Niederösterreich
aus der Perspektive möglichst vieler Wissenszweige zu erforschen und diese Ergebnisse
breiten Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen88. In den 1920er-Jahren erlebte der
Verein eine neue Hochblüte. Mit etwa 2000 Mitgliedern Ende 1927 – traditionellerweise
aus dem bildungsbürgerlich-konservativen Spektrum89 – bildete er die weitaus größte
landeskundliche Vereinigung Österreichs, ja des gesamten deutschen Sprachraums. Un-
ter den Mitgliedern befanden sich seit den 1880er Jahren namhafte Wissenschaftler, wie
etwa die Historiker Dopsch, Mayer, Oskar von Mitis und Engelbert Mühlbacher ; der
Geograf Oberhummer und der Historiker Viktor Bibl fungierten sogar als Ausschussmit-
glieder90, und der schon früh an landeskundlichen Fragestellungen interessierte Redlich
verlieh dem Verein nicht nur besonderes Prestige, sondern gestaltete ihn als Ausschuss-
mitglied über Jahrzehnte entscheidend mit91.
85 Heiss, Reich (wie Anm. 64) 465.
86 Dazu siehe den Beitrag von Martina Pesditschek in diesem Band und Gernot Heiss, Von der gesamtdeutschen zur
europäischen Perspektive ? Die mittlere, neuere und österreichische Geschichte sowie die Wirtschafts- und Sozial-
geschichte an der Universität Wien 1945–1955, in : Zukunft mit Altlasten. Die Universität Wien 1945 bis 1955,
hg. v. dems., Margarete Grandner, Oliver Rathkolb (Querschnitte 19, Innsbruck 2005) 189–210, hier 207.
87 Seewann, Jugendbewegung 2 (wie Anm. 24) 572–580.
88 Karl Lechner, 1864–1964. 100 Jahre „Verein für Landeskunde von Niederösterreich und Wien“ im Rah-
men wissenschaftlich-landeskundlicher Bestrebungen seit Ende des 18. Jahrhunderts (Wien 1964) 84.
89 Ebd. 146, Anm. 91.
90 Ebd. 125–127.
91 Max Vancsa, Oswald Redlich zum 70. Geburtstag, in : FS zum Siebzigsten Geburtstage Oswald Redlichs, hg.
v. Verein für Landeskunde und Heimatschutz von Niederösterreich und Wien (Wien 1928) 1f.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien