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544 Stefan Eminger und Ralph Andraschek-Holzer
Eintritt in diese Einheitspartei des Regimes am 19. Juni 1934 – übrigens gleichzeitig mit
Vancsa – als Regimekritik interpretiert werden129. Nach 1938 behauptete Lechner über-
dies, er hätte gegenüber einem Vertrauensmann der VF schon am Vortag der Abstimmung
Schuschniggs über die Selbstständigkeit Österreichs seine Mitwirkung verweigert130, und
gleichfalls nach dem „Anschluss“ bezeichnete er in einer Festrede des VfLKNÖ das vergan-
gene Regime als ein aus einer negativen Ideologie lebendes System[, das] vor lauter „Vaterland“-
Geschrei gar nicht mehr die engere Heimat und ihre Nöte gesehen habe131.
Dessen ungeachtet beteiligte sich Lechner vor 1938 an der Volksbildung des ungeliebten
Regimes. Die prononciert katholische Ausrichtung der gleichgeschalteten Volksbildung wie
auch der hohe Stellenwert, welcher dabei der geschichtlichen Heimatkunde beigemessen
wurde132, bildeten wohl wesentliche Anknüpfungspunkte für ihn und trafen sich mit seiner
auch bei „Neuland“ unter Beweis gestellten pädagogischen Neigung. So referierte Lech-
ner 1933 und 1934 auf mehreren Fortbildungskursen des Volksbildungsreferates über die
Geschichte des österreichischen Bauernstandes133, und im November 1935 erläuterte er
in dem bisweilen als „Bürgermeisterschule“ bezeichneten bundesstaatlichen Volksbildungs-
heim Hubertendorf134 die Grundzüge der Geschichte Niederösterreichs135. Auch in der
Lehrerfortbildung des Regimes war Lechner tätig. Im Juni 1937 sprach er etwa im Rahmen
eines Fortbildungskurses der christlichen Lehrer Niederösterreichs über die Geschichte die-
ses Bundeslandes von der deutschen Besiedlung bis zum Aussterben der Babenberger136.
I.8 Der „Anschluss“
Der „Anschluss“ Österreichs an Deutschland schien für Lechner zunächst die Erfüllung
seiner gesamtdeutschen Hoffnungen zu bedeuten. Das „Anschluss“-Heft der Vereinszeit-
129 In seinem NS-Erfassungsantrag weist Lechner auf diesen späten Eintritt eigens hin ; ÖStA/AdR, GA, Zl.
316.372, Karl Lechner, Personal-Fragebogen vom 19.05.1938 ; zu Vancsa : NÖLA, NS-Fragebögen, Kurt
Vancsa, Fragebogen vom 01.10.1938.
130 Lechner, Personal-Fragebogen 19.05.1938 (wie Anm. 129).
131 NÖLA, NL KL, K. II, Mappe II/7, Redemanuskript für die Feier des 70. Geburtstages von Dr. Anton Becker
1938.
132 Thomas Dostal, Volksbildung – Erwachsenenbildung – Lifelong Learning, in : Niederösterreich im 20.
Jahrhundert 3 : Kultur, hg. von Oliver Kühschelm, Ernst Langthaler, Stefan Eminger (Wien/Köln/
Weimar 2008) 73–110, hier 80, 100.
133 ANÖLR, PA KL, Fragebogen der Landeshauptmannschaft NÖ vom 23.01.1946, Beilage zu Punkt IV.B.
134 Dostal, Volksbildung (wie Anm. 132) 84 ; G[ustav] A[dolf] Witt, L[eopold] Teufelsbauer, Das Bäu-
erliche Volksbildungsheim Hubertendorf und sein Wirken (Stand 1929–1935). Ein Beitrag zur Geschichte
österreichischer Volksbildungsarbeit (Schriften für den Volksbildner 32, Wien 1936).
135 ANÖLR, PA KL, Fragebogen der Landeshauptmannschaft NÖ vom 23.01.1946, Beilage zu Punkt IV.B.
136 Ebd.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien