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Karl Lechner (1897–1975) 549
ver
dächtigten Gesinnung erfolgt sei. Er ließ sie aber offen157. Jedenfalls hob er in dem
Schreiben neuerlich hervor, dass seine wissenschaftlichen Arbeiten das Land Niederös-
terreich stets im Rahmen der gesamtdeutschen Geschichte und bedeutsam für sie dargestellt
habe. Abermals verwies er auf den als nation.-soz. angesehenen ‚Verein für Landeskunde
von N.Ö.‘, in dem sich seine völkische Einstellung gezeigt habe und die ihm wiederholt
Vorwürfe u. Ermahnungen seitens des Präsidiums und der Amtsdirektion der ehemaligen
Landesverwaltung eingebracht hätte. Lechners Ansuchen wurde von seinem Vorgesetzten
Günther Schlesinger, bestens und von dem zuständigen Landesrat Leopold Pindur, Par-
tei- und SA-Mitglied seit 1926, wärmstens befürwortet. Schlesinger fügte noch hinzu, dass
Dr. Lechner sich mehrmals in den abgelaufenen Jahren durch seine in Vorträgen oft vertretene
großdeutsche Einstellung weitgehend exponiert habe, und Pindur wollte seine Befürwor-
tung sowohl vom sachlichen wie auch politischen Standpunkte aus verstanden wissen. Den-
noch wurde Lechners Antrag auf Einreihung in eine höhere Dienstklasse abgewiesen158.
Trotz aller Belege und Fürsprecher blieben parteiamtliche Stellen Lechner gegenüber
misstrauisch. Hauptgrund dafür war zunächst seine Mitgliedschaft beim CV, weswegen im
Oktober 1938 auch gegen seine Eintragung in die Berufsliste der Schriftleiter zumindest
vorläufig politische Bedenken erhoben wurden159. Vor allem seine katholische Einstellung
brachte ihn in der Folge zunehmend in Konflikt mit Parteistellen. So handelte er sich
Anfang 1939 eine scharfe Rüge seines Ortsgruppenleiters ein, weil er für den in der Be-
völkerung weithin beliebten, aber von den Nationalsozialisten mit Schulverbot belegten
Kaplan seines Wohnortes Unterschriften gesammelt hatte160. Für Unmut in der Ortspartei
sorgte auch, dass er zu Fronleichnam 1939 mit dem Parteiabzeichen an der kirchlichen
Prozession teilnahm. Als er bald darauf in dem von der NSDAP beschlagnahmten katho-
lischen Jugendheim angetroffen wurde, erstattete der Ortsgruppenleiter Anzeige : gegen
Lechner wurde ein Verfahren bei einem Parteigericht eingeleitet. Um einer Entscheidung
dieses Gerichts zuvorzukommen und weil er im Frühjahr 1940 aus einer verpflichtend zu
besuchenden Zellenversammlung ausgewiesen worden war, zog Lechner die Konsequenzen.
Er erklärte seinen Aufnahmeantrag für zurückgezogen und schloss diesem Schreiben auch
157 ANÖLR, PA KL, Schreiben Lechner an das Präsidium der Landeshauptmannschaft Niederdonau vom
14.09.1938, wie auch die folgenden Zitate.
158 Ebd. Pro domo Vermerk vom 20.09.1938.
159 ÖStA/AdR, GA, Zl. 316.372, Karl Lechner, Schreiben der NSDAP, Gauleitung Wien, an den Reichsverband
der Deutschen Presse vom 19.10.1938.
160 Es handelte sich um Kaplan Eduard Novotny, der seit 1935 in Mauer bei Wien für die Jugendarbeit zustän-
dig war. Für ein Dossier zu Novotny, zusammengestellt von der Maurer Heimatrunde, danke ich Ing. Heinz
Böhm ; ÖStA/AdR, GA, Zl. 316.372, Karl Lechner, Schreiben NSDAP Wien, Kreisleitung V, an die Gaulei-
tung Wien, Gaupersonalamt, vom 15.04.1940.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien