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550 Stefan Eminger und Ralph Andraschek-Holzer
seine provisorische Beitragskarte bei161. Das Parteigerichtsverfahren wurde eingestellt, und
die bereits auf den Weg gebrachte NS-Mitgliedskarte – mit der ihm aufgrund seiner Ver-
dienste um die Partei vor 1938 tatsächlich der Illegalenstatus zugebilligt worden wäre –
wurde von der Ortsgruppe Mauer wieder ans Gauschatzamt zurückgeschickt162.
Auf seine Karriere im Dienst der Gauverwaltung hatte das – wie auch seine gelegent-
lichen fachlichen Auseinandersetzungen mit Amtsträgern von NS-Parteistellen163 – keine
negativen Auswirkungen. Mitte 1940 wurde Lechner zum Direktor des neuen Reichsgau-
archivs Niederdonau ernannt, zwei Jahre später wurde er Oberarchivrat164. Das Verhältnis
zu seinen Vorgesetzten in der Reichsgauverwaltung schien im Großen und Ganzen unge-
trübt165. Viele Jahre später jedoch äußerte Lechner im Rahmen eines heftigen Streites mit
seinem politisch ganz anders denkenden Freund Ernst Karl Winter, dass er, was Winter
als Emigrant nicht wissen könne, 1938-45 einen sehr schweren Stand gehabt habe und es
nur einem ausgezeichneten Vorgesetzten zu danken hatte, dass ich nicht hinausgeflogen bin166.
Worin diese Schwierigkeiten bestanden hatten, ist nicht überliefert ; auch der Personal-
akt gibt darüber keine Auskunft. Lechner charakterisierte seinen Vorgesetzten Leopold
Pindur – einen „Alten Kämpfer“ der NSDAP und ehemaligen Häftling im Anhaltela-
ger Wöllersdorf – jedenfalls noch 1964 als „ruhige[n] und gerechte[n], kulturerfüllte[n]
Menschen“167.
Lechners politische und charakterliche Beurteilungen durch NS-Parteistellen blieben
widersprüchlich. Vermerkte etwa das Personalamt der Gauleitung Niederdonau 1943, dass
Lechner während der Systemzeit für den Großdeutschen Gedanken eingetreten sei und als
offener, aufrechter Charakter gelten könne, allerdings als jemand, der seiner früheren religi-
ösen Einstellung treu geblieben sei und durchaus kein Konjunkturmensch sein wolle168, so
161 ANÖLR, PA KL, Rechtfertigungsschrift Lechners vom 09.06.1945 ; ÖStA/AdR, GA, Zl. 316.372,
Karl Lechner, Schreiben NSDAP Wien, Kreisleitung V, an die Gauleitung Wien, Gaupersonalamt, vom
15.04.1940.
162 ÖStA/AdR, GA, Zl. 316.372, Karl Lechner, Schreiben Gauleitung Wien an die Reichsleitung der NSDAP,
Reichsschatzmeister, vom 24.10.1940.
163 NÖLA, Archiv-Akten, Zl. 24/1944, K. 13, Pokorny Wilhelmine, Langenlois, Unter-Schutz-Stellung von 2
Urkunden des 14. Jahrhunderts ; NÖLA, Archiv-Akten, Zl. 170/1943, K. 12, Stadtwappen Neunkirchen.
164 ANÖLR, PA KL, Abschrift der Ernennungsurkunde vom 15.05.1942.
165 Das „enge und gute Einvernehmen mit der ‚Gauselbstverwaltung‘“ betont Lechner u.a. in : NÖLA, Archiv-
Akten, Zl. 21/1944, K. 13, Schreiben Lechner an den Generaldirektor der Staatsarchive und Direktor des
Reichsarchivs Potsdam, Kommissar für den Archivschutz, vom 28.08.1942.
166 NÖLA, NL KL, K. VII, Mappe VII/4, Severin-Polemik mit E. K. Winter und Klemens Kramert, Schreiben
Lechner an Winter vom 28.05.1956.
167 Lechner, 1864–1964 (wie Anm. 88) 187.
168 ÖStA/AdR, GA, Zl. 316.372, Karl Lechner, Schreiben NSDAP, Gauleitung Niederdonau, Personalamt, an
die Gauleitung Wien, Personalamt, vom 22.07.1943.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien