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556 Stefan Eminger und Ralph Andraschek-Holzer
1938 noch als politisches Verdienst im Sinne des Nationalsozialismus verstanden wissen
hatte wollen, blieb aber auch in der Folge im Zentrum der Erörterung. Bei der geplanten
Veröffentlichung seiner kurzen Geschichte der Babenberger ergaben sich deshalb Schwie-
rigkeiten. ‚Reich‘ und ‚Mark‘ sind gefährliche Begriffe geworden, schrieb er Anfang März
1947 an Klebel198. Nachdem das Präsidium der niederösterreichischen Landesregierung
ein entsprechendes Ersuchen gestellt hatte, erfolgte im Frühjahr 1947 sogar eine politische
Begutachtung des literarischen Schaffens Lechners durch das BMU199. Der Leiter der Ab-
teilung Schrifttum und Verlagswesen verwies dabei zwar allgemein auf die verhängnisvolle
Rolle der „gesamtdeutschen“ Geschichtsauffassung und stellte fest, dass sich Lechner vor
allem mit seinem Beitrag im Nadler-Srbik-Werk in ein ‚grossdeutsches‘ Fahrwasser begeben
habe200. Letztlich gelangte er aber zu der Auffassung, dass Lechner damit nicht auch für
den Nationalsozialismus eingetreten sei201. Begründet wurde diese Einschätzung insbe-
sondere mit dem Stellenwert, den Lechner in seinen Schriften der Kirche eingeräumt
habe, sowie mit Passagen seines 1944 veröffentlichten Nachrufs auf Redlich. Dort hatte
er seinen Lehrer Redlich gleich im ersten Absatz als „Symbol einer besseren, lautereren
und vornehmeren Zeit“ bezeichnet, was als deutliche Polemik gegen den zur Herrschaft ge-
langten Nationalsozialismus gewertet wurde202. Mit geringer Sorgfalt dürfte allerdings die
Begutachtung von Lechners katholischer Publizistik durchgeführt worden sein. Auf die
oben erwähnten antisemitischen Wendungen in Lechners Beitrag über die eugenischen
Bestrebungen, der in dem Gutachten sogar namentlich angeführt wird, wurde nicht ein-
gegangen203.
Mit dieser Bewertung und vor dem Hintergrund der Lockerung der Entnazifizie-
rungsmaßnahmen 1947 vermochte Lechner die Probleme, welche sich aus seiner „ge-
samtdeutschen“ Haltung ergeben hatten, weitgehend hinter sich zu lassen. Im Herbst
1947 konnten schließlich auch seine Babenberger erscheinen204. Lechner hatte, wie er
es nannte, alle gefährlichen Stellen getilgt und den Text vorher auch noch Friedrich Fun-
der, dem Herausgeber der „Furche“, zur Durchsicht gegeben205. Dennoch war er, wie
er Klebel mitteilte, auf das politische Echo fast neugieriger als auf das wissenschaftliche206.
198 NÖLA NL EK, K. III, Mappe 2, Schreiben Lechner an Klebel vom 02.03.1947.
199 NÖLA, NS-Fragebögen, Karl Lechner, Abschrift der Begutachtung der literarischen Tätigkeit des Archivars
Dr. Karl Lechner durch Dr. Dolberg o.D. [vermutlich April 1947].
200 Ebd.
201 Ebd.
202 Ebd.; Lechner, Redlich † (wie Anm. 93) V.
203 NÖLA (wie Anm. 202).
204 Karl Lechner, Die Babenberger in Österreich (Der Bindenschild. Darstellungen aus dem Kultur- und
Geistesleben Österreichs 6, Wien 1947).
205 NÖLA NL EK, K. III, Mappe III/2, Schreiben Lechner an Klebel vom 25.06.1947.
206 Ebd. Schreiben Lechner an Klebel vom 17.12.1947.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien