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560 Stefan Eminger und Ralph Andraschek-Holzer
tungen des deutschen Österreichertums in die neue Österreich-Ideologie225. So beschwor
Lechner in einem Beitrag für die Festschrift seines Freundes Pfliegler 1961 weiterhin die
jahrhundertealte „Ostmarkaufgabe“ Niederösterreichs : In der Monarchie sei sie dem
Land „für das ganze Deutsche Reich, für ein deutsches Mitteleuropa, ja ein christliches
Abendland“ gestellt gewesen226 ; der Erste Weltkrieg habe dann neuerlich die Aufgabe
Österreichs herausgestellt, „Grenzwächter zu sein gegen Moskowitertum und Panslavis-
mus im Osten und nationalchauvinistische Aspirationen im Süden227, und nach dem
gescheiterten, mit untauglichen Mitteln und unter irrigen historischen Voraussetzungen
unternommenen Versuch, dieses Österreich […] einem größeren Ganzen als Ostmark
einzuverleiben“, sei Niederösterreich stärker als je zuvor „wieder Grenz- und Markland
gegen Nord und Ost, gegen ‚Eiserne Vorhänge‘“228. Wie für ganz Österreich bleibe aber
die „weitere Aufgabe und Sendung : Abwehr und Wall gegen Ungeist und Unkultur von
Ost und Nord zu sein, Brücke und Vermittlung aber für alle kulturellen Werte, nach West
und Ost, nach Nord und Süd“229.
Bemerkenswert war, wie Lechner hier das Bekenntnis zu deutscher Kultur und deut-
schem Volkstum mit Versatzstücken des neuen Österreich-Mythos verknüpfte. Mit der
Ausweitung der kulturellen Mission Österreichs vom Osten in nunmehr alle Himmels-
richtungen erklärte er dieses Land nun kurzerhand zum „geistigen Zentrum, das befähigt
ist, auf nähere und entferntere Anrainer fruchtbar einzuwirken“230. Denn „als eine beson-
dere Funktion dieses Österreich innerhalb deutscher Kultur und deutschen Volkstums [sei]
erkannt worden, daß es allseits mehr oder weniger fremde Einflüsse aufnimmt, das ihm
Wesensgemäße daran herausgreift, es mit dem eigenen Bodenständigen verbindet und es
weiterbildet, das Vielfache und Mannigfaltige zu einer Einheit zusammenbindet, zu einem
harmonischen Ganzen, Eigen-artigen, Eigenständigen, zu einem Österreichischen !“231
Auch Lechners Zuschnitt der Heimatkunde passte gut in das Konzept der katholisch-
konservativen „Heimat-Macher“ am Beginn der Zweiten Republik. Indem ihm „Heimat“
225 Mit Bezug auf Wilhelm Bauer verwies darauf auch Ernst Hanisch, Der forschende Blick. Österreich im 20.
Jahrhundert : Interpretationen und Kontroversen, in : Carinthia I 189 (1999) 567–583, hier 571.
226 Karl Lechner, Niederösterreich und Wien. Landschaft, Geschichte, Kultur. Strukturen und Funktionen,
in : Custos quid de nocte ? Österreichisches Geistesleben seit der Jahrhundertwende, hg. v. Karl Rudolf,
Leopold Lentner (Wien 1961) 7–45, hier 19.
227 Ebd. 44.
228 Ebd. 45.
229 Ebd.
230 Ebd. 19 ; zu den nach 1945 stark forcierten Topoi von Österreich als „schöpferischer Mitte“ und vom „Kul-
turland Österreich“ siehe Ernst Bruckmüller, Nation Österreich. Kulturelles Bewußtsein und gesell-
schaftlich-politische Prozesse (Studien zu Politik und Verwaltung 4, Wien/Köln/Graz 21996) 120–123.
231 Lechner, Niederösterreich und Wien (wie Anm. 229) 19.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien