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Karl Lechner (1897–1975) 561
mehr war „als Staat oder Land, ja selbst mehr als Volk“232, konnte auch seine prinzi-
piell „gesamtdeutsche“ Ausrichtung überblendet werden, und Lechner engagierte sich
sehr bald in der neuen österreichischen Volksbildung. Von Vorteil war dabei wohl auch
seine Bekanntschaft mit dem niederösterreichischen Volksbildungsreferenten Hurdes.
Die beiden kannten einander wohl schon seit den 1930er-Jahren, als Hurdes noch in
der „vaterländischen“ Volksbildung und in Hubertendorf aktiv gewesen war233. Darü-
ber hinaus war Hurdes gleich in der ersten Vollversammlung der Nachkriegszeit in den
Ausschuss des VfLKNÖ aufgenommen worden234. Bereits auf der ersten niederösterrei-
chischen Volksbildnertagung im Juli 1949 referierte Lechner – unter anderem neben den
„Neuland“-Priestern Pfliegler und Kapfhammer – über „Heimatkunde als Grundlage der
Volksbildung“235. Er agierte damit im Kontext einer Volksbildung, die unter anderem die
Erziehung zur Demokratie und zu einem „österreichischen Staats- und Kulturbewußt-
sein“ auf ihre Fahnen geschrieben hatte und „an der geistigen Wiedergenesung unseres
Volkes“ mitzuhelfen bestrebt war236. Lechner nahm darauf zwar nie Bezug, doch fügten
sich sein stark religiös durchwirkter Heimatbegriff und sein konservatives Verständnis
von Heimatkunde nahtlos ein in die politisch sanktionierten und stark an die 1930er-
Jahre anknüpfenden Heimat-Diskurse der Nachkriegszeit237. Selbst an der Initialzündung
der neuen österreichischen Volksbildung 1946, an der Feier „950 Jahre Österreich“ hatte
Lechner Anteil. Stefan Spevak vermutet in ihm sogar einen der möglichen „Erfinder“ von
„Ostarrichi“, denn der Babenberger-Spezialist Lechner hatte mit seinem in der ÖVP-na-
hen Kulturzeitschrift „Neue Ordnung“ erschienen Kommentar zur „Ostarrichi-Urkunde“
232 Karl Lechner, Heimatkunde als Grundlage der Volksbildung, in : Zur Volksbildungsarbeit in Niederöster-
reich. Eine Zusammenfassung der Referate und Berichte von der ersten niederösterreichischen Volksbildner-
tagung nebst einem Verzeichnis „Das niederösterreichische Schrifttum“, hg. v. Franz Hurdes (Wien 1950)
46–57, hier 46.
233 Zu Hurdes – übrigens der Bruder des Neuländers und Mitbegründers der ÖVP 1945 Felix Hurdes – kurz
Richard Szerelmes, Leopold Teufelsbauer und das Bäuerliche Volksbildungsheim Hubertendorf 1929–38.
Eine Dokumentation (St. Pölten/Wien 1982) 36.
234 Lechner, 1864–1964 (wie Anm. 88) 197.
235 NÖLA, NL KL, K. IX, Mappe IX/3, Arbeitsplan der ersten niederösterreichischen Volksbildnertagung vom
11.–15. Juli 1949 im Landesheim Norbertinum, Tullnerbach/Westbahn.
236 Franz Hurdes, Vorwort, in : Zur Volksbildungsarbeit in Niederösterreich. Eine Zusammenfassung der Re-
ferate und Berichte von der ersten niederösterreichischen Volksbildnertagung nebst einem Verzeichnis „Das
niederösterreichische Schrifttum“, hg. v. Franz Hurdes (Wien 1950) 5–9, hier 6f., 9.
237 Lechner, Heimatkunde (wie Anm. 2358) 46–56.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien