Seite - 571 - in Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
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Karl Lechner (1897–1975) 571
öffentlich zu Institutsgründung und Habilitation geraten hatte301, verfasste Lechner bald
darauf ein entsprechendes, an den Unterrichtsminister gerichtetes Memorandum über
die Errichtung eines „Instituts für geschichtliche Landeskunde von NÖ“302. In dem
Konzept berief er sich gleich eingangs auf das Vorbild der in Deutschland nach dem
Ersten Weltkrieg gegründeten landeskundlichen – und später vielfach volksgeschichtlich
engagierten – Institute, insbesondere auf jenes von Aubin in Bonn. Als Hauptargument
für die Dringlichkeit eines solchen Instituts für Niederösterreich nannte er zwar nicht die
angebliche „Ostmark-Funktion“ dieses Landes, sondern – den staatspolitischen Erfor-
dernissen angemessen – dessen Stellung als Kernland und Keimzelle Österreichs. Freilich
fügte er dann hinzu, dass sich hier Probleme der landeskundlichen Forschung stellten,
deren Lösung für die österreichische und deutsche Geschichtswissenschaft und Landes-
forschung von entscheidender Bedeutung seien. Als engere Forschungsaufgaben nannte
Lechner vor allem seine eigenen Arbeitsgebiete : Besiedlungs- und Besitzgeschichte des
nunmehrigen Landes Niederösterreich für das 6. bis 9. Jahrhundert im Rahmen des frän-
kisch-karolingischen Reiches, im 10. bis 12. Jahrhundert im Rahmen des deutschen Reiches,
die Entstehung des Territorialfürstentums und des Flächenstaates in Österreich sowie
Fragen der kirchlichen Verfassungsgeschichte und des religiösen Lebens in Niederös-
terreich vom späten Mittelalter bis zur Zeit der Gegenreformation. Auch rechts-, so-
zial- und wirtschaftsgeschichtliche Probleme des Spätmittelalters und der – allerdings
nur am Rande erwähnten – neueren Zeit zählten zu Lechners Themenkanon, wie auch
die Geschichte des niederösterreichischen Bauernstandes. Als konkrete Projekte führte
Lechner vor allem die Veröffentlichung von Quellen an, die erforscht werden sollten,
aber auch Haus- und Flurformen, Mundart und Brauchtum, Kunst und Literatur. In
organisatorischer Hinsicht sprach sich Lechner wie schon 1930 für einen eigenen Lehr-
stuhl für Landesgeschichte von Niederösterreich an der Universität Wien aus, ergänzt
um mindestens eine Assistenten- sowie eine Bibliothekarsstelle. Die Finanzierung hätte
primär das Land Niederösterreich zu tragen, das ohnehin bereits Forschungsmittel (in
der Niederösterreichischen Landesbibliothek) und Forschungsmaterial (im NÖLA) zur
Verfügung stelle. Bibliothek, Archiv und zu schaffendes Forschungsinstitut sollten in
Personalunion von Lechner selbst zu führen sein, als erster Mitarbeiter und Bibliothekar
ergebe sich von selbst der Leiter der Niederösterreichischen Landesbibliothek, Kurt Van-
csa. Da das Land Niederösterreich alles Interesse daran haben [müsste], hier nicht ‚Beamte‘,
sondern Wissenschaftler und Gelehrte zur Verfügung zu haben, die den Ruf des Landes und
301 NÖLA NL EK, K. III, Mappe III/2, Schreiben Lechner an Klebel vom 27.08.1949.
302 NÖLA, NL KL, K. III, Mappe III/10, Memorandum über die Errichtung eines „Instituts für geschichtliche
Landeskunde von NÖ“ an den Herrn BM f. Unterricht o.D. [vermutlich 1947/1948], wie auch die folgen-
den Zitate.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien