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Karl Lechner (1897–1975) 573
wohl schon aufgegeben. Die mangelnde Beachtung dieses Projektes führte er zum einen
auf das Desinteresse seitens des Landes Niederösterreich zurück, zum anderen auf den im
Vergleich zu Deutschland geringeren Stellenwert der geschichtlichen Landeskunde an der
Wiener Universität309. Angeblich hat Lechner es nie verstanden, warum an der Universität
Wien keine Lehrkanzel für Landesgeschichte und Landeskunde eingerichtet wurde310.
Die 1978 erfolgte Gründung des Niederösterreichischen Instituts für Landeskunde hat
Lechner jedenfalls nicht mehr erlebt. Als reine Forschungs- und nicht auch zugleich Lehr-
stelle erfüllte dieses Institut wohl auch nur zum Teil seine Vorstellungen, wies mit Hel-
muth Feigl aber einen seiner Schüler als ersten Leiter auf.
I.14 Resümee
Die Biografie Karl Lechners ist die eines Grenzgängers. Als Grenzgänger zwischen ver-
schiedenen politischen und wissenschaftlichen Strömungen, aber auch zwischen Wissen-
schaft und Politik insgesamt hat er mehrere politische Systeme und Brüche scheinbar
unbehelligt und in leitender Funktion überdauert.
Obgleich Mitglied des konservativ-bürgerlichen IÖG, war Karl Lechner zumindest in
den 1920er-Jahren weder „bürgerlich“ noch „konservativ“. Geprägt durch sein Engage-
ment in der bündischen Jugendbewegung und als Mitglied des reformorientierten Bundes
„Neuland“, war er durchdrungen vom radikalen Idealismus und der Aufbruchsstimmung
dieser vorwiegend studentischen Jugendlichen. Politik und Pädagogik, Diskussion und
Mission waren allgegenwärtig in diesen Kreisen, Parteipolitik und Kathedergelehrsamkeit
hingegen waren verpönt. In den 1920er-Jahren schien Lechners Aktivismus mehr dem
linken Spektrum von „Neuland“ zuzuneigen. Sein soziales Engagement, seine offene Hal-
tung gegenüber der sozialdemokratischen Arbeiterschaft, seine Kritik an der Amtskirche
und seine Bemühungen um eine stärkere Stellung der Laien in der Kirche nahmen we-
sentliche Impulse für das Zweite Vatikanum um Jahrzehnte vorweg.
Wie „Neuland“ generell, stellte auch Lechner das „Volkliche vor das Staatliche“311. Wie
viele „Neuländer“ dachte auch Lechner „gesamtdeutsch“, kreisten auch seine Überlegun-
gen um die Fixpunkte katholischer Glaube und deutsches Volkstum. Seine ordnungspoli-
tischen Vorstellungen teilte er mit dem rechten Rand von „Neuland“ und CV. Dieser Kreis
„volksdeutscher Katholiken“ fühlte sich als intellektuelle Elite und umfasste mit Klebel,
Borodajkewycz und Lorenz auch mehrere Historiker der „gesamtdeutschen“ Schule der
Wiener Universität. Sie träumten wie Lechner vom Universalismus des „Heiligen Römi-
309 Ebd.
310 Pittioni, Lechner (wie Anm. 8) 586.
311 Kapfhammer, Jugendbewegung (wie Anm. 25) 44.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien