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574 Stefan Eminger und Ralph Andraschek-Holzer
schen Reichs Deutscher Nation“ und der hegemonialen Kraft des Deutschtums im mittel-
und osteuropäischen Raum. Ihre Vision handelte vom harmonischen Zusammenklang
von katholischer Kirche und deutschem Volkstum, von Agrarromantik und überzeitlicher
Reichsidee, aber auch von Antisemitismus, Antiparlamentarismus, Antimarxismus und
Großstadtfeindlichkeit. Es blieb nicht beim Träumen. Über die katholische Publizistik,
im Rahmen von Vorträgen und Fortbildungen sowie im Wege geschichtswissenschaftli-
cher Arbeiten versuchten Lechner und andere „Katholisch-Nationale“ ihre Visionen auch
praktisch umzusetzen.
Lechners wissenschaftliches Schaffen war mit seinen politischen Entwürfen eng ver-
schränkt. Sozialisiert im Kontext von Weltkrieg und staatlicher Neuordnung, erfasst von
der nationalistischen Erregung, die ganz Mittel- und Osteuropa in ihren Bann gezogen
hatte, wählte Lechner mit der Siedlungsgeschichte an der Sprachgrenze ein hoch poli-
tisches Forschungsthema. Als führender Exponent der „jüngeren landesgeschichtlichen
Forschung“ im VfLKNÖ wandte er sich gegen den geschichtswissenschaftlichen Main-
stream und konzentrierte sich auf die Untersuchung regionaler Siedlungsräume, die jen-
seits staatlich-administrativer Grenzen lagen. Mit Kötzschke und Aubin galt sein Interesse
weniger der hohen Politik der „großen Männer“, als der Siedlungstätigkeit des breiten
„Volkes“, vor allem des deutschen Bauerntums. Daraus ergab sich eine Nähe zur Volks-
geschichte, mit der insbesondere nach den Pariser Vororteverträgen „Volk“ gegen „Staat“
und Geschichte gegen Politik gestellt werden konnte312. Lechners Beteiligung an Projek-
ten der SODFG und seine immer offensiver vertretene gesamtdeutsche Interpretation
der österreichischen Geschichte zeugten von der zunehmend engeren Verquickung von
Wissenschaft und Politik. Lechner selbst machte 1938 nicht nur auf die politische Quali-
tät seiner gesamtdeutschen Geschichtsauffassung aufmerksam, sondern wollte sie auch als
Unterstützung der NSDAP verstanden wissen.
Lechner gehörte wie etwa auch Borodajkewycz 1938 zu der kleinen Minderheit in der
katholischen Kirche, die an einen „Ausgleich“ zwischen Kirche und Nationalsozialismus
glaubte. Dieser Glaube bewog ihn auch, zum ersten und einzigen Mal in seinem Le-
ben Mitglied einer politischen Partei werden zu wollen. Als seine Versuche, diesen „Aus-
gleich“ zu leben, scheiterten und als die NSDAP eine Entscheidung erzwang, wählte er
die Kirche. Dieser Schritt war für Lechners berufliche Karriere im Nationalsozialismus
nicht ohne Risiko. Er schürte damit das Misstrauen, welches der Nationalsozialismus als
totalitäres System gegen jedwede Grenzgänger hegte, nur noch weiter. An seiner gesamt-
deutschen Grundeinstellung hielt er jedoch fest, und auch andere, nicht unbeträchtliche
Überschneidungen von „volksdeutsch-katholischer“ Gesinnung mit der NS-Ideologie
dürften davon kaum betroffen gewesen sein.
312 Hettling, Einleitung (wie Anm. 113) 19.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien