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Österreichische Historiker - Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Seite - 575 -
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Karl Lechner (1897–1975) 575 Trotz dieses Grenzgängertums zwischen Wissenschaft und Politik blieben Lechners wissenschaftliche Texte innerhalb der Grenzen fachgerechter Argumentation und Beweis- führung. Lechner kann daher nicht als Exponent einer rassistischen Volksgeschichte à la Helbok gelten. Weder fanden sich in seinen Arbeiten Biologisierungen kultureller Erschei- nungen, noch versuchte er darin rassenpolitisches Handeln anzuleiten. Seine metaphysisch überfrachtete Terminologie eröffnete aber einer „politischen Religion“ wie dem Nationalso- zialismus mancherlei Anknüpfungspunkte. So war Lechners prinzipiell religiös grundiertes Glied-Körper-Modell offen für biologistische Organ-Volkskörper-Deutungen, und auch seine Interpretation der „deutschen Sendung“ der Ostmark erwies sich für jedwede deut- sche – und damit auch eine nationalsozialistische – Großraumorientierung als anschlussfä- hig. Letzteres wiederum verband ihn mit Repräsentanten der „austrofaschistischen“, gleich- falls deutsch-betonten Österreich-Ideologie etwa eines Hantsch. Was Lechner und andere „Gesamtdeutsche“ auch nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus nicht sehen wollten, das waren ebendiese Schrittmacherdienste, die dadurch dem Nationalsozialismus geleistet worden waren und die sie 1938 auch so verstanden hatten wissen wollen. Vereinzelt sehr wohl rassenpolitisches Handeln anzuleiten suchte Lechner dagegen in seiner katho- lischen Publizistik. Dort warnte er eindringlich vor „Rassenmischungen“, wobei ihm die größten Gefahren von der „schwarzen“ und der „jüdischen Rasse“ ausgingen. Lechners politische Integration in die Zweite Republik wurde durch sein fortgesetztes kirchliches Engagement und durch seine Stützung im VfLKNÖ erleichtert. Die Einbin- dung in katholisch-konservativ-männerbündische Netzwerke der frühen Zweiten Repu- blik ebnete ihm neben seiner fachlichen Qualifikation den Weg zum Universitätslehrer. Als verlässlicher „Patron“ erwies sich dabei sein Kurskollege Santifaller313 ; politische Wir- kung zeitigte auch die von seinem Freund Vancsa initiierte und teils auch politisch „fri- sierte“ Festschrift. Die gleichfalls katholisch-konservativ ausgerichtete Volksbildung der Nachkriegszeit bildete eine weitere Schiene von Lechners politischer Integration. Indem diese nicht nur personell, sondern auch konzeptuell an die „ständestaatlich-vaterländi- sche“ Periode der 1930er-Jahre anknüpfte und der katholisch-konservative Heimatbegriff weiterhin in Gebrauch blieb, war sie für Lechner anschlussfähig. Auch die im Rahmen der gesamtdeutschen Geschichtsauffassung propagierten „österreichischen“ Besonderheiten verschmolzen nun – neu kontextualisiert – mit dem staatlich sanktionierten Österreich- Mythos. Neben die alte „Ostmarkfunktion“ trat nun auch die Konstruktion der Keim- zelle, des kulturellen Zentrums. 313 Zur großen Bedeutung von Förderern und „dauerhaften Schutz- und Abhängigkeitsverhältnissen zwischen Patron und Klient“ auch im Hinblick auf institutspolitische Ausrichtungen im universitären Bereich siehe in Anlehnung an Pierre Bourdieus „Homo academicus“ Albert Müller, Alte Herren/Alte Meister. ‚Ego-Histoire‘ in der österreichischen Geschichtswissenschaft. Eine Quellenkunde, in : ÖZG 4 (1993) 120–133, hier 130f.
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Österreichische Historiker Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
Österreichische Historiker
Untertitel
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
Band
2
Autor
Karel Hruza
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2012
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
ISBN
978-3-205-78764-8
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
678
Schlagwörter
Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
Kategorie
Biographien
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