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602 Michael Wedekind
Huters Südtirolstudien, in die auch nach 1945 aggressive Ressentiments eingesenkt
blieben, kennzeichneten sich durch scharfe ethnische und soziokulturelle Differenzkon-
struktionen, in denen sprachliche und soziale Divergenzen eine Übersteigerung zu absolu-
ten Grenzen erfuhren. Demografische, zeitweilig auch rassenideologische Diskurselemente
und biologistische Ausdeutungen von Lebensraum-Vorstellungen verbanden sich mit Zu-
schreibungen zivilisatorischer Inferiorität an benachbarte Ethnien : In Untersuchungen zur
frühesten Siedlungsgeschichte und zum Alter von Toponymik und Onomastik stellte er
hierarchisierend das Bild schütterer „vordeutsch“-alpenromanischer Besiedlung der nach-
folgenden intensiven „deutschen Durchsiedlung“ und Raumdurchdringung gegenüber.
Der hinsichtlich seiner präsumtiven Effizienz und sozioökonomischen Überlegenheit her-
vorgehobene mittelalterliche Landesausbau, als Ergebnis der „Großtat deutscher Arbeit“39
glorifiziert, wurde lebensraumideologisch und in Anklang an Vorstellungen Friedrich Rat-
zels als Erwerb eines national gedeuteten, unveräußerlichen Besitzstandes gewertet. Dessen
räumlich-zeitliche Kontinuität, welche in Belegen frühester „deutsche[r] Sprachgeltung“40,
in bäuerlicher Sippen- und Höfegeschichte, in Familien- und Flurnamen oder der Rechts-
form der Hofleihe fassbar schien, galt als Nachweis biologischer Kontinuität und als Wi-
derlegung der siedlungsgeschichtlichen Thesen italienischer Wissenschaftler41. In „Sied-
lungsleistungen“ und „mehrhundertjährige[r] Geschlechterfolge bäuerlicher Sippen“ sah
Huter „ein unverjährbares Recht auf die Heimat der Ahnen“42 begründet. Hier ordneten
sich seine Studien zur Raumbildung und historischen Inventarisierung des „deutschen
Volksbodens“ in Südtirol ebenso ein wie seine retrospektiven Quantifizierungsversuche
ethnischer Verhältnisse (speziell im Südtiroler Unterland), seine „volksgenealogischen“
Interessen, seine historisch-genealogischen Forschungen zur Höfe geschichte43 und zu
39 M. Völser [i.e. Franz Huter], Südtirols Deutschtum im Angriffs- und Abwehrkampf, in : Tiroler Heimat.
Jb. für Geschichte und Volkskunde 3 (1930) 223–230, hier 230. Weiter (227) führte Huter aus : „Die Klause
von Salurn, welche heute als Grenze zwischen deutsch und welsch gilt, war es vor 600 Jahren schon nicht
mehr. Unaufhaltsam drängten deutsche Arbeit und Volkskraft gegen Süden und schufen in der Verdeutschung
des Raumes Salurn–Lavis erst recht die Voraussetzungen, die die völlige Eindeutschung der zweiten Stellung
(Raum Bozen–Salurn) ermöglichte.“
40 Franz Huter, Deutsche Sachwörter in Südtiroler Urkunden vor der Mitte des 13. Jahrhunderts, in : FS Moriz
Enzinger zum 60. Geburtstag (30. Dezember 1951), hg. v. Herbert Seidler (Innsbruck 1953) 63–70, hier
70.
41 Siehe z.B. Franz Huter, Der untere Fennberg. Aus der Geschichte einer Hofgemeinde an der deutsch-roma-
nischen Sprachgrenze, in : Salurner Büchl. Beiträge zur Heimatkunde von Salurn und Umgebung (Schlern-
Schriften 155, Innsbruck 1956) 29–47 ; siehe auch ders., Erbhofbauern – Ritter der Treue zur Heimat, in :
Der Schlern 22 (1948) 356f.
42 Franz Huter, Kloster Innichen und die Besiedlung Tirols, in : Stifte und Klöster : Entwicklung und Bedeu-
tung im Kulturleben Südtirols (Jb. des Südtiroler Kulturinstitutes 2, Bozen 1962) 11–32, hier 11.
43 Die später von Huter herausgegebene Höfegeschichte Engelbert Auckenthalers wertete er „als Bekenntnis
zur alten und großen Geschichte des Tiroler Bauernstandes“ ; siehe Franz Huter, Geleitwort zu : Engelbert
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien