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Franz Huter (1899–1997) 603
exponierten Mikroisolaten an der Alpenhauptwasserscheide. Darin bemühte er sich –
keineswegs überzeugend –, einen bis zum Jahre 1920 traditionell „enge[n] Lebenskreis
zwischen den Menschen unmittelbar zu beiden Seiten der Jöcher“44 aufzuzeigen – ein
Untersuchungsansatz, den 1944 ebenfalls der Innsbrucker Historiker und Volkskundler
Adolf Helbok mit komplexen, auch „volksgenealogischen“ Forschungen zu den Kultur-
landschaften der Pässe und Jöcher zwischen Nord- und Südtirol45 ins Auge fasste. Huter folgte
in diesen Studien neben siedlungs- und wirtschaftsgeschichtlichen Fragen vor allem dem
Ansatz quantitativer Familienforschung. Dabei spürte er hauptsächlich genealogischen
Verflechtungen und kleinräumiger Mobilität von geografisch eng umschriebenen Bevölke-
rungsgruppen nach. Außer Betracht blieben dabei allerdings sowohl die quantitative Mar-
ginalität von Exogamie in bergbäuerlichen Gemeinschaften als auch deren diesbezüglichen
Vorbehalte und rigiden Mechanismen zur Verhinderung von Fremdzuzug.
Im Zentrum der volksgeschichtlichen Argumentationslinien Huters stand das von
Wopfner übernommene Konstrukt der „deutschen Arbeit“. Hiermit verknüpften sich
Konzepte diffamatorischer Hierarchisierung, von sozio-ethnischer Differenzierung und
dichotomischer Grenzziehung zwischen dem Fremden und dem Eigenen. Das insofern
ordnende Element der „deutschen Arbeit“ – im Bild des von exogenen Einflüssen ver-
meintlich unberührten und wahre „Volkhaftigkeit“ offenbarenden Tiroler Bauern reprä-
sentiert – lieferte jenen identitätsstiftenden Bezug, der „Volk“ und „Raum“, „Blut“ und
„Boden“ als festes, historisch gewordenes und irreversibles Gefüge verkittete. Vor dem
Hintergrund der forciert nach Südtirol gelenkten italienischen Binnenmigration mar-
Auckenthaler, Geschichte der Höfe und Familien von Ratschings und Jaufental (Oberes Eisacktal, Südti-
rol), mit besonderer Berücksichtigung des 16. Jahrhunderts (Schlern-Schriften 174, Innsbruck/München 1970)
ohne Paginierung. – Im Rahmen der Kulturkommission war auch Karl Maria Mayr mit Höfeforschungen in
Südtirol befasst.
44 Franz Huter, Schnals und Innerötztal. Etwas Geschichte um ein Stück Alpenhauptwasserscheide, in : Jb. des
Deutschen Alpenvereins (1951) 25–30, hier 30 ; ähnlich auch später nochmals ders., Das Tal Schnals in den
Ötztaler Alpen. Geschichte und Gegenwart, in : Südtirol in Wort und Bild 7 (1963) 15–24, besonders 16. –
Huter hatte spätestens Ende 1944 bereits eine „Geschichtliche Monographie über das Tal Schnals als Beispiel
der Besiedlungs- und Wirtschaftsgeschichte eines Hochalpentales in Südtirol“ abgeschlossen ; siehe SAB, AdO :
Huter an Wolfgang Steinacker, Bozen, 16.11.1944. – Vgl. in diesem Zusammenhang rezente genealogisch-
genetische Untersuchungen von Isolatpopulationen in Südtirol und historisch-sozialanthropologische Studien
ihres demografischen Verhaltens : Gene und Geschichte in Stilfs, Langtaufers und Martell, hg. v. Gerd Klaus
Pinggera, Alice Riegler, Umberta Dal Cero, Martin Gögele (o.O. [Bozen] o.J. [2006]) ; Margareth
Lanzinger, Das gesicherte Erbe. Heirat in lokalen und familialen Kontexten : Innichen 1700–1900 (Wien/
Köln/Weimar 2003). – Verwiesen sei auch auf die statistisch-bevölkerungsbiologischen Arbeiten, welche die
sogenannte Innsbrucker Schule der Bevölkerungsgeografie unter Hans Kinzl während der frühen Nachkriegs-
jahre in Westösterreich vornahm ; siehe dazu Franz Fliri, Hans Kinzl und die Innsbrucker Schule der Bevöl-
kerungsgeographie, in : Mitteilungen der Österreichischen Geographischen Gesellschaft 138 (1996) 147–181.
45 SAB, AdO : Helbok an Wolfgang Steinacker, Innsbruck, 01.11. und 03.11.1944.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien