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608 Michael Wedekind
Trentino das Konstrukt einer überwiegend deutschstämmigen, nur sprachlich romanisier-
ten Bevölkerung ableitete.
An der erklärten Absicht der Arbeitsgemeinschaft, die germanischen Grundlagen und
die deutschen Kulturkräfte im Raum zwischen Brenner und Belluno aufzuzeigen, das nord-
südliche Kulturgefälle festzustellen und in seinen inneren Triebkräften zu erforschen56, hat
Huter unmittelbar mitgewirkt : Nachdem schon die Ahnenerbe-Kulturkommission Ar-
chivalien mit Bezug auf die Sprachinseldeutschen im Trentino und auf den Sprachgrenz-
raum besondere Bedeutung beigemessen hatte, begann die Innsbrucker Alpenländische
Forschungsgemeinschaft im Frühjahr 1944, durch Zeichnen namenkundlicher Karten und
durch die Sammlung von Material aus bisher nicht genutzten Archiven Stoff für den Nachweis
deutscher Kulturleistungen über die geschlossene deutsche Sprachgrenze hinaus vorzubereiten57.
Bereits in den 1930er-Jahren hatte Huter darauf verwiesen, dass infolge eines politisch be-
dingten Nachlassens des „nötigen Volksnachschubes […] aus dem unerschöpflich schei-
nenden Menschenborn Süddeutschlands (einschließlich Tirols)“ seit dem 15. Jahrhun-
dert „wertvoller deutscher Volks- und Kulturboden“ im östlichen Trentino und im Raum
zwischen Bozen und Lavis verloren ging, „auf den die deutsche Arbeit unverjährbaren
Anspruch begründet“ habe58. Im Rahmen der Bozner Arbeitsgemeinschaft für Landes-
und Volksforschung Südtirol beabsichtigte Huter nun eine breite Bestandsaufnahme der
die deutsche Siedlungs- und Kulturleistung in der Provinz Trient beweisenden Quellen sowie
Vorarbeiten für ein Urkundenbuch zur Geschichte der deutschen Sprachinseln im Süden der
Alpen59. In der Tat war bereits eine Arbeitsgruppe des deutschen Zivilverwaltungsappara-
tes mit quantitativen bevölkerungsgeschichtlichen Erhebungen des Trientiner Sprachin-
sel- und „Streudeutschtums“ befasst60.
56 SAB, AdO : Helbok an Wolfgang Steinacker, Innsbruck, 03.11.1944.
57 BAB, R 153/1556 : Bericht des Leiters der AFG, Bozen/Innsbruck, 25.03.1944.
58 Völser, Südtirols Deutschtum (wie Anm. 39) 229.
59 SAB, AdO : Huter an Wolfgang Steinacker (Formblatt „Arbeitsbericht etc.“), Bozen, 16.11.1944. – Siehe in
diesem Zusammenhang auch Franz Huter, Lusern – das Dorf der Getreuen, in : Bozner Tagblatt 06.05.1944
5. – Freilich hatte Huter (Völser, Südtirols Deutschtum [wie Anm. 39] 228) noch 1930 gewarnt : „von einer
[vormaligen] Verdeutschung Welschtirols bis an den Alpenrand, wie sie manchmal behauptet wird, sollte in
der ernsten Forschung nicht gesprochen werden.“
60 Siehe hierzu Michael Wedekind, Volkstumswissenschaft und Volkstumspolitik im Umfeld deutscher Sprach-
inseln in Oberitalien, in : Ursprünge, Arten und Folgen des Konstrukts „Bevölkerung“ vor, im und nach dem
„Dritten Reich“ : Zur Geschichte der deutschen Bevölkerungswissenschaft, hg. v. Rainer Mackensen, Jürgen
Reulecke, Josef Ehmer (Wiesbaden 2009) 83–105 ; erweiterte italienische Fassung : Le „sporadi tedes-
che“ : le comunità germanofone dell’Alta Italia come oggetto dell’etno-scienza ed etno-politica tedesca, in :
Archivio trentino. Rivista di studi sull’età moderna e contemporanea del Museo storico in Trento 57,2 (2008)
103–138 ; ders., Gestaltung der Südmark (wie Anm. 53).
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien