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Franz Huter (1899–1997) 609
Vor dem Hintergrund der rapiden Machterosion des Dritten Reiches – Huter war seit
Januar 1945 noch zeitweilig zum Volkssturm eingezogen worden – ist den expansionspo-
litisch-legitimatorisch konzipierten Forschungsvorhaben der letzten Kriegsmonate eine
eigentümliche Realitätsferne zu attestieren. Wenn das volkstumswissenschaftliche Milieu
Tirols – und mit ihm Huter – es mitkonzipierte und sich hierauf mit Verve einließ, so
manifestierte sich darin eine ethnozentrische Weltsicht, die – an der ethnischen Periphe-
rie herangebildet und radikalisiert – in ein „anwendungsorientiertes“ Verständnis von
Wissenschaft einmündete61. Als die staatliche Zugehörigkeit Südtirols nach Kriegsende
kurzfristig noch einmal zur Disposition gestellt schien, meinte Huter im Mai 1946 –
einen Monat bevor Südtirol neuerlich Italien zugesprochen wurde – für sich und seine
„völkisch“ orientierte Kollegenschaft deponieren zu können : „Wenn uns dieses Schmer-
zenskind [Südtirol], das heißgeliebte, jetzt neuerdings geraubt werden sollte, wider alle
Versprechungen und wider alles Recht, wider alle Bande des Geistes und des Blutes, dann
trifft diesmal die lebende Historikergeneration Tirols kaum eine Schuld daran.“62
IV. Netzwerke der Stagnation
Der NS-Überprüfungsausschuss der Universität Innsbruck vermochte sich Anfang 1946
indes nicht vom politischen Gehalt der bisherigen Arbeiten Huters zu überzeugen und be-
ließ ihm die Venia legendi für Wirtschaftsgeschichte und Historische Hilfswissenschaften.
Mit dem Hinweis indes, Huter habe sich in den Kreisen der Beamten des Obersten Kommis-
sars in Bozen ziemlich nationalsozialistisch gegeben63, wurde seine Rückversetzung in den
Archivdienst verfügt und ihm die Lehrbefugnis für Österreichische Geschichte aberkannt.
61 Auch in Hinblick auf das seit 1941 halbannektierte Oberkrain sekundierte Huter bei der wissenschaftlichen
Legitimation nationalsozialistischer Herrschaftsansprüche. Über die maßgebliche Beteiligung der beiden Süd-
tiroler Stifte Brixen und Innichen sowie der Grafen von Ortenburg und Andechs-Meran am mittelalterli-
chen Siedlungsausbau im obersten Savegebiet sowie über die damit verbundenen bevölkerungsgeschichtlichen
Vorgänge im mittelalterlichen Oberkrain leiteten „völkische“ Wissenschaftsmilieus vor allem seit Anfang der
1940er-Jahre die These einer Zugehörigkeit des Landes zum „deutschen Volksraum“ und „Kulturboden“ ab.
Huter, der in diesem Zusammenhang unter anderem auf die besondere volkstumswissenschaftliche Relevanz
der entsprechenden Archivbestände in Brixen und Innichen verwies, hat das Thema „deutscher Siedlungsleis-
tungen“ in Oberkrain auch in der Nachkriegszeit verschiedentlich wieder aufgegriffen ; siehe Huter, Kloster
Innichen (wie Anm. 42) ; ders., Siedlungsleistung und Grundherrschaft von Innichen, in : Der Schlern 45,
1/2 (1971) 475–485.
62 Huter, Geburtstagsansprache (wie Anm. 46) 11.
63 Bescheid des Verwaltungsdirektors der Universität Innsbruck, Richard Pokorny, namens des Überprüfungsaus-
schusses betreffend politische Überprüfung Huters, Innsbruck, 23.02.1946 (UAI, PA Huter), hier zitiert nach
Oberkofler, Huter (wie Anm. 1) 190f.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien