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632 Helmut Maurer
machen. Leider ist es im Zusammenhang mit den politischen Wirren dazu gekommen, daß
ihm vor etwa zwei Wochen das Stipendium der Deutsch-Oesterreichischen Wissenschaftshilfe
eingestellt wurde94.
Beide Schreiben lassen zum einen erkennen, wie sehr die politischen Ereignisse des
Frühjahrs 1934 auch die Wiener Historiker berührt hatten, und zum andern, dass ein po-
litisch auf der Gegenseite, der gesamtdeutschen nämlich, stehender Gelehrter wie Hirsch
sich so objektiv für den die Österreich-Idee propagierenden Heilig einsetzte. Dies gilt
auch im Blick auf Hirschs Fürsprache für den jungen, aus Schlesien stammenden deut-
schen Rechtshistoriker Hans Lentze, der 1933 zur Unterstützung Hans von Voltelinis
bei dessen Ausgabe des Schwabenspiegels nach Wien gekommen war. Von ihm heißt es
in einem Nachruf, dass er nach seinem 1934 erfolgten Übertritt zur katholischen Kir-
che „die Grundlagen für eine lebenslange, existentielle Verbindung mit Österreich, das
dem Schlesier nachmals zur Heimat werden sollte“, gelegt habe95. Wenn man „Schlesien“
durch „Baden“ ersetzen würde, könnte diese Aussage ebenso auch für den gleichfalls wie
Lentze im nationalsozialistischen Deutschland missliebig gewordenen und als nicht mehr
förderungswürdig betrachteten Heilig Gültigkeit beanspruchen.
Hirsch konnte vermutlich nicht wissen, dass Heilig in ebendiesem Jahr 1934 ein Werk
weitgehend vollendet hatte, das den Titel „Das Werden der österreichischen Idee im Mit-
telalter“ sowie die Titelzusätze „Bearbeitet von Dr. Konrad Josef Heilig“ und „Mit einem
Exkurs über die Echtheit des Privilegium minus und anderen Anhängen“ tragen sollte96.
Dieses bis 1526 reichende Werk, zu dem Heilig zweifellos durch seine Arbeiten zur ös-
terreichischen Chronistik angeregt worden war, hätte bereits 1935 im „Reinhold-Verlag,
Wien“, dann 1936 im „Verlag Gsúr und Co., Wien“ erscheinen und die Widmung tragen
sollen : „Dem Andenken des Erweckers und Blutzeugen der österreichischen Idee, Bun-
deskanzler Dr. Engelbert Dollfuß, geweiht“. Allerdings war Heilig noch bis März 1937
mit Korrekturen befasst. Gedacht war das Buch als Habilitationsschrift. Dass die Arbeit
an diesem Werk auch politisch gewünscht war, vermerkte Heilig selbst mit dem Hinweis,
dass er etwas Geld bekomme, das vom Staatssekretär [Hans] Pernter [1887–1951] mir per-
sönlich für Studien zu einer österreichischen Geschichtsauffassung, die ich in einer im Druck
liegenden Habilitationsschrift mit allem Raffinement modernster Historiker entwickeln will,
verliehen wurde97. Schon am 15. August 1935 hatte Pater Virgil Redlich aus Seckau an ihn
geschrieben : … mit Freude hörte ich, daß Sie sich nun habilitieren werden98. Die Habilita-
94 IÖG, Archiv, NL Hans Hirsch.
95 Werner Ogris, Hans Lentze †, in : ZRG GA 88 (1971) 508–517, hier 509.
96 Zum Folgenden Balcar, Heilig (wie Anm. 2) 1, 16, Anm. 2 und 127 Anm. 1 sowie vor allem 199 mit Anm.
3.
97 Ebd. 2 Abschnitt H 2 vom 10.07.1935.
98 Ebd. 2 Abschnitt H 2.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien