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638 Helmut Maurer
V.
Die Ereignisse vom 11. bis 13. März 1938 setzten nicht nur Heiligs Rolle als politischer
Publizist ein Ende ; sie vereitelten auch seine Absicht, sich an der Universität Graz bei
Hantsch zu habilitieren. Hantsch war bald nach dem „Anschluss“ verhaftet, ins Gefäng-
nis und schließlich ins KZ Buchenwald gebracht, allerdings zu Beginn des Jahres 1939
wieder entlassen worden130. Und Ernst Karl Winter, in dessen Gsúr-Verlag das als Habi-
litationsschrift einzureichende, bereits in Korrekturfahnen vorliegende Werk über „Das
Werden der österreichischen Idee im Mittelalter“ erscheinen sollte, hatte sich veranlasst
gesehen, zunächst in die Schweiz und danach in die USA zu emigrieren. Aber nicht nur
dies. Das Thema des zwar wissenschaftlichen, aber dennoch auch in politischer Absicht
geschriebenen Buches musste angesichts der zwangsweisen Eingliederung Österreichs in
das „Großdeutsche Reich“ als geradezu subversiv gelten. Für Heilig bedeutete dies, dass
sein Werk an keiner deutschen Universität mehr als Habilitationsschrift würde einge-
reicht werden können. Und doch sollte sich sechs Jahre später zeigen, dass die mit dieser
Arbeit verbundenen Mühen nicht umsonst waren, dass vielmehr ein „Unter-Thema“, das
nur als Anhang gedacht war, nach seiner weiteren Ausgestaltung die Grundlage einer
Veröffentlichung bilden sollte, die das wissenschaftliche Ansehen des Verfassers auf einen
Höhepunkt führen würde131.
Im Frühjahr 1938 aber hatte Heilig angesichts des „Anschlusses“ andere Sorgen. Denn
nicht anders als Hantsch, Winter oder Zessner-Spitzenberg, der 1938 ins Konzentrati-
onslager gebracht wurde132, oder der deutsche, 1932 nach Österreich emigrierte, beim
CS mitarbeitende katholische Publizist Walter Ferber, der 1938–1942 in den Konzen-
trationslagern Dachau und Flossenbürg interniert war und nach dem Krieg von Heiligs
Einsatz für ein eigenständiges Österreich kündete133, oder Dietrich von Hildebrand, der
nur durch Flucht seiner Verhaftung in der „Anschlußnacht“ entgehen konnte134, stand
er zumindest seit 1936 bei den Wiener Nationalsozialisten und der dortigen deutschen
Gesandtschaft auf der schwarzen Liste.
Mit dem Ende Österreichs, dessen Eigenständigkeit er während der letzten fünf Jahre
in Wort und Schrift so vehement verteidigt hatte und dessentwegen er noch 1982 „als
130 Siehe den Beitrag von Johannes Holeschofsky in diesem Band.
131 Heilig, Ostrom (wie Anm. 6).
132 Erika Weinzierl, Prüfstand. Österreichs Katholiken und der Nationalsozialismus (Mödling 1988) 73.
133 Ferber, Geist und Politik (wie Anm. 111), zu Ferber Jürgen Klöckler, Walter Ferber – der vergessene
Föderalist, in : Allmende 46/47, 15. Jg. (1995) 201–216.
134 Ebneth, Ständestaat (wie Anm. 76) 233–236. Zur Emigration österreichischer Geisteswissenschaftler vgl.
Erika Weinzierl, Wissenschaft und Nationalsozialismus, in : Vertriebene Vernunft 2 (wie Anm. 129) 51–
62.
Österreichische Historiker
Lebensläufe und Karrieren 1900–1945, Band 2
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Österreichische Historiker
- Untertitel
- Lebensläufe und Karrieren 1900–1945
- Band
- 2
- Autor
- Karel Hruza
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78764-8
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 678
- Schlagwörter
- Lebensläufe, Werke und gesellschaftliches Wirken österreichischer Historikerinnen und Historiker, Geschichtsforschung
- Kategorie
- Biographien