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15Einführung
ihrer vier Töchter geboren (Aloysia, 27. Juli 1737 Rosalia, 21. September 1738, Maria
Ludovica, 1. April 1741) und wahrscheinlich sehr bald in die Obhut der Mutter Mariannes
gegeben, die in zweiter Ehe in Stuttgart verheiratet war. Da die dritte Tochter, Maria
Ludovica, in der Korrespondenz nicht mehr erwähnt wird, ist davon auszugehen, dass
sie bereits im Kindesalter verstarb. 1743 hielten sich die Pirkers in Wien auf,90 von wo sie
sich nach Italien wandten. Während ihres dortigen Aufenthalts wurde 1746 die jüngste
Tochter Maria Viktoria geboren, die sie spätestens bei ihrer Abreise in Richtung London
den Karmeliterinnen von S. Maria Maddalena dei Pazzi in Bologna anvertrauten.91 Der
Unterhalt für diese Tochter, die erst Mitte 1750 wieder zur Familie zurückkehrte, wurde
über den Agenten und Kollegen Raffaele Turcotti in Bologna sichergestellt, während
für die beiden älteren Töchter regelmäßig Kostgeldzahlungen an Mariannes Stiefvater
geleistet wurden. An ein normales Familienleben war unter diesen Umständen nicht
zu denken. Dass sich Franz in seinem Brief vom 17. Juni 1749 (167) so ausführlich nach
den Fortschritten in der Entwicklung seiner Töchter erkundigte, ist deshalb vor dem
Hintergrund zu sehen, dass er damals vermutlich seit mindestens zwei Jahren keinen
persönlichen Kontakt zu ihnen gehabt hatte. In den beruÀichen Plänen, insbesondere als
Marianne über Vor- und Nachteile eines längerfristigen Festengagements in Kopenhagen
nachdachte, spielten die Kinder und die Möglichkeiten des Kontakts zu ihnen daher eine
durchaus wichtige Rolle.92 Gleichwohl hatte die wirtschaftliche Sicherung der Existenz
deutlich mehr Gewicht. Das kommt auf zwei unterschiedlichen, jedoch miteinander
verknüpften Ebenen zum Ausdruck: bei der Organisation der eigenen Mobilität und der
Entwicklung und PÀege eines künstlerischen und diplomatisch-politischen Netzwerks.93
Marianne Pirkers Briefe reÀektieren Strategien,94 die vom gemeinsamen Reisen mit
ihrem Mann Franz und dem Geschäftsmodell des Operisti-Ehepaares ausgehen, das ge-
meinschaftlich seine Dienste anbot. Dieses Modell prägte die gesamte Karriere der Pirkers:
Schon 1736 bei Pietro Mingotti in Graz war Marianne als Sängerin, Franz als Geiger,
90 Brief vom 11. Mai 1743 (1).
91 Brief vom 23. Juni 1750 (233).
92 Briefe vom 3. bis 7. Januar und 8. Februar 1749 (90, 105).
93 Zur Musiker-Mobilität und -Migration siehe auch zur Nieden, Gesa: Frühneuzeitliche Musiker-
migration nach Italien. Fragen, VerÀechtungen und Forschungsgebiete einer europäischen Kultur-
geschichtsschreibung der Musik, in: Goulet, Anne-Madeleine/zur Nieden, Gesa (Hg.): Europäi-
sche Musiker in Venedig, Rom und Neapel (1650–1750), Kassel 2015 (Analecta Musicologica
52), S. 9 –30 Ehrmann-Herfort, Sabine/Leopold, Silke (Hg.): Migration und Identität. Wanderbe-
wegungen und Kulturkontakte in der Musikgeschichte, Kassel 2013 (Analecta Musicologica 13)
zur Nieden, Gesa/Over, Berthold (Hg.): Musician’s Mobilities and Music Migrations in Early
Modern Europe. Biographical Patterns and Cultural Exchanges, Bielefeld 2016 Guzy-Pasiak
Jolanta/Markuszewska, Aneta (Hg.): Music Migrations in the Early Modern Age. Centres and
Peripheries – People, Works, Styles, Paths of Dissemination and InÀuence, Warsaw 2016.
94 Siehe dazu Brandenburg, Daniel: Mobilität und Migration der italienischen Opernschaffenden
um 1750, in: Nils Grosch / Wolfgang Gratzer (Hg.), Musik und Migration, Bd. 1, Münster 2018,
S. 197–205.
Die Operisti als kulturelles Netzwerk
Der Briefwechsel von Franz und Marianne Pirker, Band 1 & 2
- Titel
- Die Operisti als kulturelles Netzwerk
- Untertitel
- Der Briefwechsel von Franz und Marianne Pirker
- Band
- 1 & 2
- Herausgeber
- Daniel Brandenburg
- Verlag
- Österreichischen Akademie der Wissenschaften
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-7001-8898-8
- Abmessungen
- 21.0 x 29.7 cm
- Seiten
- 1048
- Kategorie
- Kunst und Kultur