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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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112    Anna Brod auch mit einer Auflösung der Doppelkubus-Struktur und der dadurch entstan- denen Trennung einher, bevor am Ende der Inszenierung die titelgebende Lücke im Bühnenbild wieder sichtbar wird. Es wird deutlich: Der Prozess der gegensei- tigen Annäherung muss immer wieder neu begonnen werden und ist auch eine Aufgabe für die Theater zuschau er*innen. 4 Zusammenfassung und Schlussbetrachtung Zusammenfassend lässt sich festhalten: Die in Urteile gesammelten und durch Schauspieler*innen auf der Bühne des Residenztheaters präsentierten Aussagen von Angehörigen der Münchner Mordopfer des NSU zielen auf eine Anerkennung als Opfer rassistischer Gewalt ab. Mit diesem Fokus wird im Rahmen des Thea- terstücks dem Wunsch Semiya Şimşeks entsprochen, in der Gesellschaft einen Raum für die Hinterbliebenen als Opfer zu schaffen (Şimşek 2012). Urteile geht jedoch darüber hinaus, wenn neben den beiden Morden auch die Fälle sekun- därer Viktimisierung durch Polizei und Medien als gewaltvolle Akte präsentiert werden. Die Anerkennung, die hier eingeklagt wird, soll sich also nicht nur auf die beiden Getöteten beziehen, die damit vom Schuldvorwurf freigesprochen werden, sondern v.a. auf deren Angehörige und weitere von institutionellem Ras- sismus Betroffene. Charakteristika des Theatertexts, wie die aus den Interviews hervorgegangenen Apostrophie rungen, sowie der Inszenierung, wie das wieder- holte Zeigen von Zuhör-Zuschau-Situationen, binden das Theaterpublikum in das Annehmen der Zeugnisse und das Anerkennen der bezeugenden Personen ein. Das Zusammenspiel aus häufigen Rollenwechseln, dem Nachahmen der Sprech- weise der Angehörigen durch die Schauspieler*innen und der konzeptionellen Mündlichkeit des Theatertexts erzeugt in der Inszenierung zudem eine Reibung von (scheinbarer) An- und Abwesenheit der Dargestellten. So wird die für doku- mentarisches Theater charakteristische Ambivalenz von Wirklichkeitsbezug und künstlerischer Überformung für das Theaterpublikum erfahrbar. In Die Lücke verändert sich die Art und Weise, wie Betroffene des Nagelbom- benanschlags in der Keupstraße dargestellt werden, im Verlauf der Inszenierung. Die Form der Interaktion der Schauspieler*innen mit den drei Vertreter*innen der Keupstraße spielt dabei eine zentrale Rolle, wie die Analyse gezeigt hat: Während zu Beginn der Inszenierung dargestellt wird, wie ein mit Passivität verknüpfter Opferstatus unwillentlich erzeugt werden kann, indem über Betroffene statt mit ihnen gesprochen wird, wird diese Form der Viktimisierung später schrittweise als überwindbar gezeigt. Am Schluss der Inszenierung steht die Darstellung des Kon- takts zwischen Mitgliedern einer deutschen Mehrheits- und einer Minderheitsge- sellschaft, bei der alle sechs an der Inszenierung beteiligten Personen scheinbar
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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