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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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„Er hat all die Jahre geschwiegen“    121 Mann nach Walter Ulbricht galt. „Ergriffen lauschte er [Becher] meinem Bericht. Ich sah, wie sehr er litt unter allem, was geschehen war, und überzeugte mich, daß er uns nie verdächtigt und auch nicht vergessen hatte“ (1990, 456), schreibt Richter. „Obwohl er [Schirdewan] meine Odyssee in der Sowjetunion mit keinem Wort erwähnt, spüre ich, dass er bemüht ist, das mir widerfahrene Unrecht wiedergutzu machen“ (2012, 438), bemerkt Ruge schlicht. Nur Damerius artiku- liert eine Klage, während er aber auch das Mitgefühl und die Hilfsbereitschaft der Menschen in Moskau zu ihm, dem Rehabilitierten, zu schätzen weiß: „Ich wurde von allen als eine Art Held gefeiert, der aus einem anderen Kriege lebendig zurückgekehrt war. […] Es wunderte mich, niemand, auch keiner aus dem Freun- deskreis, fragte, warum, wieso, weshalb. Wer hätte die Fragen auch beantworten können“ (1990, 322, 329).7 Trotz der Schweigepflicht hatte Richter schon 1956 mit „Vorarbeiten für ihre Autobiografie“ (Jung 2008, 136) begonnen, die 1962 fast vollständig abge- schlossen war. Dabei musste Richter auf ihren „wohltrainierten Gedächtnisfilter“ (1990, 452) vertrauen, denn sie hatte ihre in der Sowjetunion niedergeschriebe- nen „Manuskripte und Tagebücher […] der vernichtenden Kritik des Herdfeu- ers“ (1990, 452) übergeben – „ich wollte mir das Hineinwachsen in die deutsche Gegenwart nicht erschweren durch philosophisches Gepäck aus einer überwun- denen Etappe“ (1990, 452) – führt sie als Rechtfertigung dafür an. Ob der heutige Leser bei einem solchem „Filter“ etwa an eine Art „Selbstzensur“ denken soll, sei dahingestellt. Allerdings musste die Publikation über 35 Jahre lang warten.8 Damerius’ Manuskript war im Februar 1982 fertig. Ein Exemplar übergab der Autor Werner Mittenzwei, ein weiteres Buch kam im Dezember 1983 in das Archiv der Akademie der Wissenschaften der DDR (Mittenzwei 1990, 365). Über das schwierige Fortkommen des Memoirenschreibens von Wolfgang Ruge überlegt der Herausgeber Eugen Ruge, Sohn des Autors: 7  Konkret gegenüber den Genossen des Nationalkomitees Freies Deutschland äußert Damerius seine Enttäuschung: „Ihre unschuldig verhafteten Genossen hatten sie vergessen, oder sie hat- ten nicht die Zivilcourage gehabt, sich an sie zu erinnern und sich für sie einzusetzen“ (1990, 260). Trotzdem fragt er sich auch: „Hatte ich vor 1938, als ich noch in der Freiheit war, gefragt, wo sind die Verhafteten geblieben? Versteckte ich mich damals nicht genau wie die, die es noch nicht getroffen hatte, hinter dem unerschütterlichen Glauben an die Partei und an die Unfehl- barkeit Stalins?“ (1990, 289). 8  In der DDR hat Richter zweimal, 1965 und 1973, versucht, ihre Memoiren zu veröffentlichen, ohne Erfolg: Das Manuskript blieb im Lager des Zentralen Parteiarchivs der SED. Darüber infor- miert Jung (2008, 134–137) ausführlich.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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