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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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„Er hat all die Jahre geschwiegen“    125 er sich da satt essen: „Ich sichere den Frauen ihre Brotkanten, füttere meine Leute bestens durch, zweige der Obrigkeit ihre Schober ab. Allmählich kehre ich zu einem menschenähnlichen Leben zurück“ (2012, 291). Nach überstandener Haft und Verbannung bemüht sich Trude Richter darum, das Lager in einem positiven Licht darzustellen. Als ein von ihr angezeigter Dieb zu achtzehn Jahren Arbeitslager verurteilt wird, bemerkt sie zum Beispiel, „daß […] diese Arbeits- und Besserungsinstitution gründlich umorganisiert“ worden sei, und dass „jeder Kriminelle […] Schulungskurse aller Art absolvieren konnte“ (1990, 433). Überdies betont Richter ihre Freude, „heil geblieben“ (1990, 424) und sogar entlohnt worden zu sein. „[W]ie jeder, der aus dem fernen Osten kam, [war ich in Moskau 1956] recht wohlhabend“ (1990, 452), merkt sie zufrieden an. Sie kann sich zum Beispiel sämtliche Einkäufe und einen Aufenthalt in einem Sana- torium auf der Krim leisten, wo ihre Gesundheit „[r]estauriert“ (1990, 452) worden sei. Damerius preist seinerseits zunächst die „Gefängnisordnung“: „Bei der Ent- lassung erhielt ich mein Köfferchen, meine Hosenträger und Schnürsenkel und sogar das restliche Geld, all das, was mir bei meiner Verhaftung […] abgenommen worden war“ (1990, 53). Jahrzehnte später, nach überstandener Lagerhaft, rühmt er sich seiner unbeirrbaren Überzeugung: „[E]s ist nicht gelungen, uns zu Wölfen umzuerziehen. Wir waren Genossen – Kommunisten geblieben“ (1990, 247). Bei Ruge ist erst nach Stalins Tod und erst recht 1956 nach dem XX. Parteitag des Zen- tralkomitees der KP der Sowjetunion, als die Rückreise nach Deutschland schon bevorsteht, ein optimistischer Kommentar zur politischen Lage im Ostblock zu vernehmen: „[I]ch bin von Zuversicht erfüllt. Ich beginne zu glauben, dass jetzt, genau in diesem Moment, in dem auch mir wieder Flügel zu wachsen scheinen, die internen Machtkämpfe im sowjeti schen Politbüro abgeschlossen seien und nun die Phase der Errichtung eines wirklichen Sozialismus beginne“ (2012, 436 [Hervorhebung im Original]). Für die Unterstützung aus der DDR haben Richter, Damerius und Ruge nur Worte des Dankes und der Anerkennung. Trude Richter erwähnt die Unterstüt- zung von Anna Seghers und von Johannes R. Becher. Das Leipziger Literatur- institut, in dem sie als Dozentin tätig ist, sieht Richter als „das Ithaka meiner Odyssee“ (1990, 456). Helmut Damerius war seinerseits von Arthur Pieck, dem Sohn des einzigen DDR-Präsidenten, Wilhelm Pieck, zum Umzug in die DDR ver- holfen worden. Die Reise nennt er eine „Fahrt ins Ungewisse“, wobei aber „die Himmelsrichtung […] die richtige und von mir lang ersehnte [war]“ (1990, 330). Wolfgang Ruge informiert über den Kontakt zu seiner Mutter Charlotte, Leiterin des Instituts für Literatur und Sprachen an der Akademie für Staat und Recht in Potsdam-Babelsberg, und deren zweiten Ehemann Hans Baumgarten. Sie waren auch diejenigen, die ihn mitsamt Frau und Kind in Berlin in Empfang nahmen und versorgten.
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
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