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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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126    Maria Loreto Vilar 3 Trotz alledem: Tabubruch Trotz des mehr (bei Richter) oder weniger (bei Damerius und Ruge) offenkundi- gen positiven Erzähltons bezeugt der Inhalt der drei Memoirenbücher das gewal- tige Ausmaß des den Autoren zugefügten Unrechts. Sowohl in Richters Autobio- grafie als auch in derjenigen von Damerius werden die miserablen Umstände der Haft in den verschiedenen Moskauer Gefängnissen (Lubjanka, Butyrka, Taganka) dargestellt, wobei Damerius deutlich negativere Details wiedergibt. Während bei Richter zum Beispiel lediglich von einer „Massenzelle“ (1990, 291) und von Streitereien unter den Häftlingen (1990, 293) zu lesen ist, bebildert Damerius die Vermassung durch die Beschreibung der strengen Stehen-Sitzen-Liegen- Ordnung in der Zweimannzelle, in der sechzehn Männer eingesperrt sind (1990, 31–32). Über den „Scheißkübel“ oder „Parascha“ in der Zelle und die sogenannte „Toilettenaktion“9 berichtet nur Damerius (1990, 31, 33), wie auch über die magere Kost: „ein Stück Roggenbrot, ungefähr dreihundert Gramm, und warmes Wasser […]. Mittags erhielt jeder eine Schüssel Suppe“ (1990, 33–34). Während Dame- rius über die unerbittlichen Desinfektions- und Badeprozeduren (1990, 26–28) informiert, erwähnt Richter eine einzige Laus, indem sie noch kommentiert: „Das Ungeziefer war dort eine eingeschleppte Rarität“ (1990, 294). Ruge (2012, 124) erfährt seinerseits Vermassung, Gedränge und extremen Platzmangel erst im Transport im schmutzigen Güterwaggon von Moskau in die Steppe. Das Gefängnisleben kennt aber eine noch raffiniertere Form der Folter: das zermürbende Warten auf das Verhör. Dazu hält Damerius fest: „Die Mitteilung ‚vorbereiten zum Verhör‘ erteilte der Schließer am Tage, aber geholt wurde man meistens nachts. Verhören wollte man müde Leute, die sich bis zum Verhör durch Grübeln oder Angst schon selbst zermürbt hatten, die keinen Widerstand leisten konnten“ (1990, 34). Sowohl er als auch Richter berichten zudem von der Qual der Ungewissheit über die eigene Zukunft, allein Ruge beteuert: „Die Unwissenheit schützt mich“ (2012, 171). Damerius und Richter bemängeln darüber hinaus die strenge Isolation von der Außenwelt, die Richter mit dem Tod gleichsetzt: „[I]ch war mir klar darüber, daß ich ausgelöscht war für alle anständigen Menschen. Tot für meine Genossen in Moskau, in Berlin, in Paris und wo sie sonst in der Emigra- tion weilten, tot für meine Schüler“ (1990, 312). Für Damerius (1990, 54, 61) bringt die Isolation auch noch den Verlust des Zeitbewusstseins mit sich sowie eine 9  Von Damerius (1990, 33) wie folgt beschrieben: „[J]e sechs Mann [wurden] auf die Toiletten ge- führt. Es waren Hockklosetts – sechs Löcher auf einem langen Zementsockel, ohne Trennwände und ohne Türen, mit Wasserspülung, die immer lief. Papier gab es nicht, Wasser lief ja. Es gab auch ein Waschbecken, aber zum Waschen war keine Zeit bei dem herrschenden Hochbetrieb.“
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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