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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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130    Maria Loreto Vilar ralopie – oder Nachtblindheit –, an Furunkeln und an allerlei Verletzungen, wobei die medizinische Versorgung höchst defizitär ist. Mit folgenden Worten beschreibt Ruge die Mittel des Lagerarztes Dr. Wagner: „Mit seinem Zuspruch, seinen Quarantäneverordnungen und der Entschärfung von Befehlen rettet er mehr Menschen als mit seinen oft unter haarsträubenden Bedingungen durch- geführten Operationen“ (2012, 198). Fatale Unfälle, Selbstverstümmelung, um der Arbeit im Wald zu entfliehen, und schließlich auch Selbstmordfälle werden in allen Gulag-Autobiografien registriert. Sogar Trude Richter soll 1950 bei einer Krise den Freitod gesucht haben, wobei der Strick, mit dem sie sich an dem Deckenbalken habe erhängen wollen, glücklicherweise gerissen sei. Bei Dame- rius und Ruge scheint dagegen der Überlebenswunsch stets überwogen zu haben. Ruge ermunterte sich mit dem Gedanken: „Zusammenbrechen wird er nicht, da muss er durch, auch das wird ein Ende nehmen“ (2012, 208 [Hervorhebung im Original]). Damerius behauptet seinerseits, er habe sich „fest vorgenommen, das Lager lebend zu verlassen“ (1990, 112), was er aufgrund seiner kommunistischen Überzeu gung argumentiert: „Selbstmord paßte nicht zu meiner lebensbejahen- den kommunistischen Weltanschauung“ (1990, 232). Aus der zeitlichen Distanz, nach überstandener Haft und Verbannung – dem „bitteren Brocken, den ich nie verschlucken würde“ (Richter 1990, 297) –, macht Richter den Personenkult des Stalinismus dafür verantwortlich, dass „die inner- parteiliche Demokratie außer Kraft“ (1990, 417) gesetzt worden sei und die Sowjet- union sich in einen „riesigen Sarkophag der Rechtlosigkeit“ (1990, 418) verwan- delt habe. Wolfgang Ruge fasst aus der Perspektive von 1953 die Ansicht der Opfer der Repression und des Gulags im schlichten Satz zusammen: „Der Tod Stalins rettet Russland“ (2012, 419). Zudem sammelt er die wichtigsten Titulierungen für Stalin als „Menschenschinder“ und als „de[n] größte[n] Schurke[n] aller Zeiten“ (2012, 420). Ebenso denkt und empfindet Helmut Damerius, der seinen Glauben an Stalin endlich korrigiert: So naiv war ich. Heute ist es mir ganz unbegreiflich, wie ich, und nicht nur ich allein, ange- sichts der ungeheuerlichen Rechtsverletzungen, die uns ein menschenunwürdiges Dasein, dauernd bedroht von Hunger, Krankheit und Tod, aufzwangen, weiter an den großen Schmied unseres Glücks, Stalin, glauben konnte. (Damerius 1990, 244 [Hervorhebung im Original]) Dementsprechend reagiert Damerius, wenn er in der DDR das Lied von Louis Fürnberg singen hört: „Die Partei, die Partei, die hat immer recht…“.14 Da muss er „an Stalin denken, an Berija, an Jeshow, an Jagoda, an den XX. Parteitag der 14  Das 1949 verfasste Lied diente als offizielle Hymne der SED. Liedtext: http://www.hdg.de/lemo/ html/dokumente/JahreDesAufbausInOstUndWest_liedtextSEDLied/index.html (24. Juli 2018).
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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