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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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„Er hat all die Jahre geschwiegen“    133 tion, Selbst-Offenbarung, Erfahrungsweitergabe, Enkulturation –, scheint mir der folgende Kommentar von Nina Frieß für das besondere Genre der Memoiren von Gulag-Opfern von besonderem Wert zu sein: Das Ablegen eines Zeugnisses (auch gegenüber sich selbst) wurde zum wesentlichen Moti- vationsmoment des Schreibprozesses. […] Abrechnen ist in diesem Zusammenhang wohl ein zu starkes Wort, da es impliziert, dass in den Texten eine umfassende Auseinanderset- zung mit der Stalinzeit erfolgen würde, in deren Anschluss in der außertextuellen Realität Organisatoren oder Ausführende der Repressionen zur Verantwortung gezogen worden wären. Das war nicht der Fall. Vielmehr wurde die Verantwortung für die Repressionen und Auswirkungen des Personenkults Stalin und einem engen Führungszirkel zugeschrieben […]. (Frieß 2017, 89 [Hervorhebung im Original]) Die Lebenszeugnisse von Richter, Damerius und Ruge belegen sowohl diese Deutung als auch diejenige von Anne Applebaum, für die: These […] were books written both as literature and as testimony: the authors wanted future generations to know what had happened, even if their writings could not be published in their own lifetime. […] In some cases, memoirists also wanted to transmit their experiences in light of a particular personal narrative. […] Memoirists were often people with an acute sense of fairness and justice as well. […] [T]he memoirists sometimes had a moral or didactic intent as well as a purely historical purpose. (Applebaum 2011, XII–XIII) In Bezug auf die Memoiren von Trude Richter, Helmut Damerius und Wolfgang Ruge sollen schließlich noch die „Wertbindungen“ politischer Erinnerungen, die „stets einen […] partikularen, gruppenspezifischen Charak ter“ (Assmann 2016, 207) haben, beachtet werden, denn sie haben „– ganz im Sinne von Nietzsches Plädoyer für einen eingeschränkten Horizont – die klare Funktion der Hand- lungsorientierung für die eigenen Ziele, der Stärkung des eigenen Selbstbilds und der Legitimierung der eigenen Taten“ (Assmann 2016, 207). Wenn auch der Opferbegriff angesichts des fatalen Widerspruchs zwischen kommunistischer Überzeugung und Gulag-Erfahrung „schillern“ und „zwischen gegensätzlichen Haltungen oszillieren“ mag, kann am Ende wohl lediglich von Trude Richter behauptet werden, dass sie „nicht aus der Perspektive des Opfers [berichtet]“ (Scheer 1990). Ihre Haltung ist vielmehr diejenige des Kracauer’schen Märtyrers, den Christa Wolf in ihrem letzten Buch, Stadt der Engel oder The Over- coat of Dr. Freud (2010), zu würdigen weiß, indem sie andere, ebenfalls politische Verse aus der Feder von Louis Fürnberg zitiert. Es sind die folgenden Zeilen aus dem 1953 entstandenen Gedicht „Schwere Stunde“, das erst 1957 in Fürnbergs Nachlass gefunden wurde: Vielleicht sind wir um eines größren Ziels zum Opfer ausersehn; dann heißt es schweigen,
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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