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Ingeborg Jandl
Bojao sam se spavanja, jer ništa nije moglo zaustaviti bujicu ratnih prizora, ni srce što pre-
skače štekteći u ritmu kratkih rafala. Često bih skoćio iz kreveta sa hercom u grlu, upalio sve
sijalice u stanu i otvorio prozore. (Š, 193)
[Ich hatte Angst vor dem Einschlafen, denn nichts konnte die Flut an Kriegsvisionen auf-
halten, oder vor dem Klopfen meines Herzens im Rhythmus schneller Salven. Oft sprang ich
aus dem Bett, das Herz im Hals, schaltete alle in der Wohnung vorhandenen Glühbirnen ein
und öffnete die Fenster.]
In Aleksievičs Zeugenberichten fällt das Fehlen psychischer Unterstützung für die
Kriegsheimkehrer aus Afghanistan auf. Auch hier werden Alpträume beschrie-
ben, wobei zugleich die Feststellung von Interesse ist, dass diese anstelle einer
Verbesserung der psychischen Verfassung oft erst nach der Heimkehr verstärkt
einsetzen:
Там сны о войне не видел. А здесь ночью воюю. Догоняю эту маленькую девочку…
Глаза-маслины… Ручонка болтается, вот-вот отлетит… – Надо мне к психиатру? –
спросил у своих ребят. – Чего? – Воюю. – Мы все воюем. (А, 78)
In Afghanistan hab ich nachts nicht vom Krieg geträumt. Hier kämpfe ich jede Nacht. Ich
renne hinter dem kleinen Mädchen her… die mandelförmigen Augen… Die Hand baumelt
hin und her, gleich fällt sie ab. „Muss ich zum Psychiater?“, fragte ich ein paar Kumpels.
„Warum?“ „Ich kämpfe im Traum immer wie ein Wilder.“ „Das geht uns genauso.“ (A, 117)
Andrej Gelasimov thematisiert ebenfalls die mit dem Schlaf verbundene Angst.
Als sein Protagonist Kostja nach einem Granatenangriff auf seinen Panzer schwer
verletzt in einem Lazarett liegt, fürchtet er sich vor seinen Träumen. Aufgrund
der Bandagen auf dem verbrannten Gesicht ist er noch stärker von der Außenwelt
abgeschnitten und die unverarbeiteten Eindrücke der Vergangenheit erlangen
quälende Präsenz:
Но самым страшным в госпитале были сны. Потому что первое время, после того
как очнулся, я не помнил, что с нами произошло. Как отрезало. Забыл даже, как в
бэтээр садились. Лежал в бинтах, стонал и ничего не помнил. Больно было, поэтому
просто ждал медсестру. А у нее прохладные руки. […] Кто-то говорил – промедол. И
еще говорили: Зачем ты ему набираешь так много? […] И ее голос. Ты знаешь, как
ему больно? Пусть немного поспит. […] Потом я начал видеть сны и стал бояться ее
приходов. Потому что я стал вспоминать. Я все увидел во сне. (G, 277–278)
Das Schlimmste im Lazarett aber waren die Träume. In der ersten Zeit, nachdem ich wieder
zu mir gekommen war, hatte ich mich nicht daran erinnert, was mit uns passiert war. Wie
abgeschnitten. Ich hatte sogar vergessen, wie wir in den Panzer gestiegen waren. Ich lag
da in meinen Bandagen, stöhnte und konnte mich an nichts erinnern. Ich hatte Schmerzen
und wartete deshalb immer nur auf die Schwester. Sie hatte kühle Hände. […] Jemand sagte:
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher