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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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144    Ingeborg Jandl wahrnehmung, Rückzug, vegetative Anzeichen panischer Angst und Flashbacks angeführt (WHO 2015, 206–207). Gelasimov und Šehić beschreiben das Lebens- gefühl nach dem Krieg als mechanische Fortsetzung eines geregelten Alltags, in dem die inneren Verletzungen aufgrund der Routine kaum nach außen dringen. Die von Aleksievič interviewten Kriegsheimkehrer lassen die psycho- physische Verfassung von Kriegstraumatisierten als jenen aus der Traumafor- schung bekannten Schwebezustand zwischen unauslöschlichen Schreckens- bildern, Amnesie und unberechenbaren traumatischen Erinnerungsschüben erkennen. Während viele Interviewpartner über Flashbacks klagen, beschreiben andere die erlebten Kriegsereignisse als wie durch einen Schleier verborgen, unwirklich oder auch unzugänglich: Что-то с памятью… Даже думаю уйти со второго курса института… От меня куда-то убегают, исчезают человеческие лица, слова. Собственные ощущения… Остаются отрывки, осколки… Как будто со мной не было того, что было… (A, 109–110) Irgendwas stimmt mit meinem Gedächtnis nicht mehr. Ich habe schon überlegt, das zweite Studienjahr abzubrechen. Die Gesichter verschwimmen, Worte… die eigenen Wahrneh- mungen… Was bleibt, sind nur Bruchstücke, Splitter… als hätte das alles nicht ich erlebt. (A, 160) Hier und in anderen Berichten betrifft die gedämpfte Realitätserfahrung nicht nur die traumatische Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart. Die zuvor zitierte Schilderung von Aleksievičs Interviewpartner bricht bei einem Ereignis nach dem Krieg ab, als ein Jagdkollege eine Gans tötet und der Erzähler feststellt, dass er nicht mehr töten will. Bei vielen Interviewten hat die Grenzerfahrung des Krieges so tiefe Spuren hinterlassen, dass sich die Alltagserfahrung entscheidend verändert hat. Zugleich werden häufig Bemühungen thematisiert, diese innere Veränderung nach außen hin zu verbergen. Was hinter dieser ruhigen Fassade vor sich geht, beschreibt einer von Aleksievičs Gesprächspartnern, der an sich selbst die stän- dige Alarmbereitschaft seines Körpers feststellt; gleichsam als physische Notre- aktion werden gewisse angstauslösende Alltagssituationen vermieden, da sie für Unbeteiligte unvorhersehbare, gewaltsame Schutzreflexe auszulösen drohen: В моей комнате те же книги, фото, магнитофон, гитара. Только меня того …Нет… Через парк пройти не могу – оглядываюсь. В кафе официант станет за спиной: „Заказывайте“. А я готов вскочить и убежать, не могу, чтобы у меня кто-то за спиной стоял. Увидишь подонка, одна мысль: „Расстрелять его надо.“ (A, 113) In meinem Zimmer ist alles wie vorher: die Bücher, die Fotos, der Kassettenrecorder, die Gitarre. Aber ich bin ein anderer. Durch einen Park kann ich nicht gehen, ohne mich ständig
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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