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Weder Held noch Opfer
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umzugucken. Wenn im Café der Kellner hinter mir steht und sagt: „Was wünschen Sie?“,
möchte ich am liebsten aufspringen und rausrennen, ich ertrag’s nicht, wenn jemand in
meinem Rücken steht. Wenn du einen Schuft siehst, hast du nur einen Gedanken: Erschie-
ßen! (A, 165 und 246)
Diese Passage aus Cinkovye mal’čiki wurde außerdem am 15. Februar 1990 – ohne
Namensnennung – in der Komsomol’skaja Pravda veröffentlicht. Der ehemalige
Soldat Taras Kecmur zitiert sie in seiner Klage, die eine der Grundlagen für den
Gerichtsprozess gegen Svetlana Aleksievič am 29. November 1993 bildete und
schließlich auch den Ausschlag für die Verurteilung der Autorin gab. Während
unverständlich bleibt, dass ein anonymisierter Zeugenbericht von dessen
Urheber als Ehrenverletzung beanstandet wird, verdeutlicht der gerade darauf
basierende Urteilsspruch, dass neben Berichten über Angst, unwürdige Lebens-
umstände und die Verrohung von Menschen im Krieg sichtlich auch Kriegstrau-
mata ein tabuisiertes Thema darstellen. Für den öffentlichen Diskurs bedeutet
das Verschweigen von Traumatisierung eine Ablehnung der Opferrolle, die damit
zusammenzuhängen scheint, dass im Falle dieser Traumata die Täterrolle dem
Staat zukommen würde.
Aleksievič stellt ihrer Sammlung als Prolog den Bericht einer Mutter voran,
deren Sohn nach seiner Heimkehr aus Afghanistan einen Menschen getötet hat:
„Он убил человека моим кухонным топориком… А утром принес и положил
его в шкафчик… Как обыкновенную ложку или вилку…“ (A, i) [„Er hat einen
Menschen getötet, mit meinem Küchenbeil… Und am Morgen hat er es zurückge-
bracht und wieder in den Schrank gelegt. Wie einen ganz normalen Löffel oder
eine Gabel…“ (A, 15)].
Wie bereits Taras Kecmurs Schilderung, zeigt auch diese tragische Episode,
dass Kriegstraumata neben der Belastung für Betroffene und Angehörige eine
massive gesellschaftliche Gefahr darstellen, da die Traumatisierung zu psycho-
tischen Zuständen führen kann, in denen die Reflexe der Kriegsrealität erneut
wirksam werden.
3 Kriegsidentität
Sowohl während als auch nach dem Krieg wird bei den Kriegsteilnehmern eine
eigene Kriegsidentität erkennbar, die zwischen Angst und Gefühlslosigkeit und
somit zwischen Opfer- und Täteridentität verortbar erscheint. Während Angst auf
Grenzerfahrung, Zwang und Unfreiwilligkeit hindeutet und damit auf typische
Charakteristika eines Opfers verweist, bedeutet Gefühlsunzugänglichkeit in den
folgenden Beispielen Bindungs
losigkeit selbst im engsten Kreis der Familie sowie
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher