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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
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146    Ingeborg Jandl Isolationsbedürfnis und innere Vereinsamung. Besonders im Zusammenhang mit traumatisch bedingten Flashbacks begünstigt dieser Zustand eine unberechenbare latente Neigung zu aggressiven Handlungen während psychotischer Episoden. Im Folgenden wird zunächst darauf eingegangen, wie das Analysematerial die Manipulation des Selbstempfindens in Kriegskontexten darstellt, wobei zum einen die Verinnerlichung von Glaubenssätzen und zum anderen bewusstseins- verändernde Substanzen eine Rolle spielen. Danach wird eine weitere Erkenntnis aufgezeigt, die sich aus den Texten ergibt: Die im Krieg internalisierte Bewusst- seinsveränderung bleibt nach dem Krieg latent als langfristige Anfälligkeit für psychotische Zustände bestehen, bei denen die im Krieg erlernten Reflexe wirksam werden. Wie Šehić schreibt, sind die Rollen im Krieg klar definiert, wobei plakativ zwischen Kameraden und Gegnern differenziert wird, um auf dieser Basis unhin- terfragt das Angriffsverhalten zu steuern: „Strategija naše komande je gladila: oni nemaju motiva za ratovanje, mi imamo“ (Š, 96) [Die Strategie unseres Kom- mandos sah wie folgt aus: Sie haben kein Motiv zu kämpfen, wir schon]. Zugleich reduzieren während des Krieges soziale Einflüsse und Drogen- missbrauch das eigenständige Denken, sodass das Kriegsmotiv neben dem Glauben an die gerechte Handlung auch durch die Gruppendynamik aufrechter- halten wird. Durch das Kollektiv schwindet das Täterbewusstsein, welches Ein- zelpersonen vor dem Töten zurückschrecken lässt: „Сегодня один мальчик […] рассказывал, как непривычно и в то же время азартно убивать вместе. И как страшно расстреливать“ (A, i) [„Heute erzählte mir ein Junge […], wie unge- wohnt und zugleich aufregend es sei, gemeinsam zu töten. Und wie schrecklich, jemanden zu erschießen“ (A, 26–27)]. Šehić erwähnt, dass die Uniform die Selbstwahrnehmung als Individuum reduziert und zugleich auch die Angst vor dem Gegner abmildert: „Ponekad, čovjek pomisli da je u maskiranoj uniformi nevidljiv i, samim tim, neuništiv“ (Š, 87) [Maskiert durch die Uniform hält sich der Mensch manchmal für unsichtbar und für unverletzlich]. Besonders Šehić und Aleksievič gehen außerdem auf bewusstseins er wei- tern de Substanzen wie Drogen und Medikamente ein, die im Krieg eingesetzt werden, um den Soldaten das Töten zu erleichtern: Многие курили. Анашу, марихуану… Кто что достанет… Объясняли, что стано- вишься сильным, свободным от всего. В первую очередь от своего тела. Как будто ты на цыпочках идешь, слышишь легкость в каждой клеточке, чувствуешь каждый мускул. Хочется летать. Как будто летишь! Радость неудержимая. Все нравится, сме- ешься над всякой ерундой. Слышишь лучше, видишь лучше. Различаешь больше запахов, больше звуков. В этом состоянии легче убивать – ты обезболился. Жалости нет. Легко умирать – страх уходит. (A, 24)
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Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Titel
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
Herausgeber
Eva Binder
Christof Diem
Miriam Finkelstein
Sieglinde Klettenhammer
Birgit Mertz-Baumgartner
Marijana Milošević
Verlag
De Gruyter Open Ltd
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-11-069346-1
Abmessungen
15.5 x 23.0 cm
Seiten
350
Schlagwörter
Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
Kategorie
Lehrbücher
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