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Weder Held noch Opfer
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Viele haben Haschisch oder Marihuana geraucht, was jeder kriegen konnte. Du fühlst dich
stark und frei danach. Frei vom eigenen Körper. Du gehst wie auf Zehenspitzen, spürst jeden
Muskel. Du möchtest am liebsten fliegen. Du schwebst fast. Und dann die unbändige Freude!
Dir gefällt alles. Du lachst über jeden Mist. Du hörst besser, siehst besser. Unterscheidest
mehr Gerüche, mehr Geräusche… In diesem Zustand fällt das Töten leicht. Du bist betäubt,
du hast kein Mitleid. Es stirbt sich leicht in diesem Zustand. Die Angst schwindet. Du hast
das Gefühl, als hättest du eine kugelsichere Weste an, als wärst du ganz gepanzert. (A, 47)
Auch die stimmungsaufhellende Wirkung der Drogen ist dabei relevant, denn
zahlreiche Kriegsteilnehmer klagen über Depressionen. Auch diese bedingen
eine veränderte Wahrnehmung, wobei jedoch Hypervigilanz und psychotische
Zustände hier mit Angst und Selbstverlust verbunden sind. Neben ihrer leistungs-
steigernden Wirkung werden Medikamente daher auch gegen nervöse Zustände
sowie als Beruhigungsmittel verwendet, wobei dieser Einsatz leicht außer Kon-
trolle gerät, da eine hohe Dosierung die einzige schnelle und wirksame Hilfe
gegen Symptome verspricht, jedoch keine langfristige Heilung in Aussicht stellt:
Nisam mogo kontrolisati tok vlastitih misli. Sluh mi se pojačo do maksimuma. Mislio sam
da drugi ljudi mogu čuti moje misli. Odlučio sam otići kod brigadnog doktora i tražiti uput-
nicu neuropsihijatru. […] Pogledao sam u papir. Kontrola za dvadeset jedan dan i terapija
tabletama […]. Dvadeset jedan dan odmora! Ma kakav odmor, biće to čisto ubijanje, cugom
i ostalim pomoćnim sredstvima. Život punim gasom. (Š, 101)
[Ich war meiner Gedanken nicht mehr Herr. Mein Gehörsinn war bis zu einem Maximum
geschärft. Ich hatte das Gefühl, andere Menschen könnten meine Gedanken hören. So ent-
schied ich mich, den Feldarzt aufzusuchen und mich zum Neuropsychiater überweisen zu
lassen. […] Ich blickte auf den Zettel. Einundzwanzig Tage unter Beobachtung und Medika-
mententherapie […]. Einundzwanzig Tage Erholung! Aber was für eine Erholung, das wird
eine reine Abtötung, durch Saufen und andere helfende Mittel. Ein Leben mit Vollgas.]
Šehićs Darstellung verdeutlicht, dass sich ein gewisser Kriegsalltag einstellt, der
nach anderen Prinzipien funktioniert als der gewöhnliche Alltag. Angst- und
Schmerzfreiheit haben Priorität; aus Sicht der Kriegsteilnehmer gilt es, kurzfristig
die Belastung zu reduzieren, aus Sicht der Kriegsführenden, die Einsatzfähigkeit
wiederherzustellen. Niemand der Beteiligten denkt dabei an Langzeitfolgen und
es fällt sogar schwer, sich ein Leben nach dem Krieg vorzustellen:
– Šta čete raditi ako preživite rat? – Ješću i piću do besvijesti. Trudiću se da živim. Malo me
strah mira. Teško mi je zamisliti ostatak svijeta, u kojem se ne ratuje. To mi djeluje skoro
fantastično. (Š, 101)
[– Was werden Sie machen, wenn Sie den Krieg überleben? – Ich werde essen und trinken,
bis ich ohnmächtig werde. Ich werde mich bemühen zu leben. Ich habe ein bisschen Angst
vor dem Frieden. Es fällt mir schwer, mir eine Welt vorzustellen, in der nicht gekämpft wird.]
Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Titel
- Opfernarrative in transnationalen Kontexten
- Herausgeber
- Eva Binder
- Christof Diem
- Miriam Finkelstein
- Sieglinde Klettenhammer
- Birgit Mertz-Baumgartner
- Marijana Milošević
- Verlag
- De Gruyter Open Ltd
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-11-069346-1
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 350
- Schlagwörter
- Opfernarrative, zeitgenössische Literatur, transnationale Erinnerung, Transnationalität
- Kategorie
- Lehrbücher